Es war Mittwoch, 10.30 Uhr. Hauptkommissar Rose machte gerade seine erste Kaffeepause an diesem Morgen. Seit halb acht hatte er Akten gelesen, einen Bericht geschrieben, zwischendurch telefoniert und zwei Zeugen vernommen. Er zuckte zusammen, als sein Telefon klingelte. Etwas Kaffee schwappte über den Rand seiner Tasse. Rose hielt den Hörer ans Ohr. Jemand am anderen Ende sprach, worauf Rose mit dem Kopf nickte und mehrmals „mhm“ brummte. Er legte den Hörer auf und erhob sich mühsam von seinem Stuhl. Der schwergewichtige Mann trank im Stehen den letzten Schluck Kaffee. In seiner dicken Winterjacke wirkte er wie eine Tonne. Er ging ins Nebenzimmer, nickte jemandem zu und ging wieder hinaus, um im Flur zu warten. Der Mitarbeiter kam herausgeeilt.
„Wohin?“ fragte Kommissar Hettenbach. „Mitten rein ins frohe Menschenleben“, sagte Rose. „Zum Krummen Timpen.“
„Wie, wollen wir einen trinken?“
„Aber, Hettenbach, doch nicht im Dienst“, schmunzelte Rose. „Krummer Timpen ist der Name der Straße. Eine Tote ist dort in ihrer Wohnung gefunden worden.“
Ein Polizist in Uniform fuhr die beiden im Streifenwagen zum Tatort. Es dauerte zwanzig Minuten, bis sie vor dem betreffenden Haus hielten. Der Polizist wurde angewiesen, in einer Stunde wiederzukommen. Rose und Hettenbach gingen zum Eingang.
„Die Tote heißt Ingrid Knörr“, murmelte Rose nachdenklich. Er suchte die Namensschilder ab und drückte auf den obersten Klingelknopf. Einige Sekunden später ertönte der Summer des Türöffners. Rose lehnte sich gegen die Tür, die unter seinem Druck nachgab. Die beiden Männer gingen die Treppe hoch bis in den dritten Stock. Die Wohnungstür stand offen. Drinnen herrschte ruhiges aber geschäftiges Treiben. In einem Raum, der wie ein Wohnzimmer eingerichtet war, lag eine Leiche.
„Wohin?“ fragte Kommissar Hettenbach. „Mitten rein ins frohe Menschenleben“, sagte Rose. „Zum Krummen Timpen.“
„Wie, wollen wir einen trinken?“
„Aber, Hettenbach, doch nicht im Dienst“, schmunzelte Rose. „Krummer Timpen ist der Name der Straße. Eine Tote ist dort in ihrer Wohnung gefunden worden.“
Ein Polizist in Uniform fuhr die beiden im Streifenwagen zum Tatort. Es dauerte zwanzig Minuten, bis sie vor dem betreffenden Haus hielten. Der Polizist wurde angewiesen, in einer Stunde wiederzukommen. Rose und Hettenbach gingen zum Eingang.
„Die Tote heißt Ingrid Knörr“, murmelte Rose nachdenklich. Er suchte die Namensschilder ab und drückte auf den obersten Klingelknopf. Einige Sekunden später ertönte der Summer des Türöffners. Rose lehnte sich gegen die Tür, die unter seinem Druck nachgab. Die beiden Männer gingen die Treppe hoch bis in den dritten Stock. Die Wohnungstür stand offen. Drinnen herrschte ruhiges aber geschäftiges Treiben. In einem Raum, der wie ein Wohnzimmer eingerichtet war, lag eine Leiche.
„Guten Morgen, die Herren“, sagte Hauptkommissar Rose. Die Männer der Spurensicherung murmelten ein „Guten Morgen, HKB“, und beschäftigten sich weiter. Rose und Hettenbach sahen sich die Tote an. Sie lehnte halb sitzend gegen einen Schreibtisch zwischen dessen Rückseite und einer Wand in der sich einen Meter über dem Boden ein Fenster befand. Sie konnten keine Verletzungen an der Toten erkennen. Rose schob mit seiner rechten Hand die blonden, langen Locken zur Seite, um das Gesicht sehen zu können.
„Noch sehr jung“, konstatierte er. „Was habt ihr bis jetzt?“ wandte sich der Hauptkommissar an einen uniformierten Beamten. Der nahm einen Notizblock und las vor: „Gefunden wurde die Tote von ihrem Freund, Norbert Schorn. Sie heißt Ingrid Knörr, ist fünfundzwanzig Jahre alt, studiert Jura. Schorn konnte sich Zutritt zur Wohnung verschaffen, weil er einen Schlüssel besitzt.“
„Kann ich die Leiche jetzt untersuchen?“ unterbrach Dr. Glasstetter, der Gerichtsmediziner. Rose nickte. Er wandte sich wieder dem Beamten zu.
„Das war es schon“, sagte dieser. „Herr Schorn sitzt übrigens in der Küche.“
„Danke“, murmelte Rose. Er und sein Mitarbeiter gingen zur Küche. Ein junger Mann saß zusammengesunken auf einem Stuhl. „Guten Tag, ich bin Hauptkommissar Rose, mein Kollege Kommissar Hettenbach.“
„Guten Tag“, sagte der junge Mann, „ich bin Norbert Schorn. Frau Knörr ist meine Freundin.“ „Ja, wir wissen Bescheid“, sagte Rose. Schorn saß da wie ein Häufchen Elend.
„Sie waren mit der Toten befreundet“, stellte Rosefest. „Eine enge Beziehung, nehme ich an, da Sie einen Schlüssel für die Wohnung besitzen.“
„Ja“, sagte Schorn und den Rest hauchte er fast, „wir wollten nach dem Studium heiraten.“ Er preßte die Finger auf seine Augen. Rose registrierte, daß sich der junge Mann offensichtlich bemühte, seine Tränen zurückzuhalten.
„Was wollten Sie heute morgen hier?“ fragte Kommissar Hettenbach in ruhigem Ton.
„Ich war mit Ingrid verabredet. Wir wollten zusammen frühstücken und dann zur Uni gehen.“
„Was studieren Sie?“ fragte Hettenbach weiter.
„Jura.“
„Wie Ihre Freundin“, bemerkte Rose.
„Ja.“
„Sie haben also die Wohnung aufgeschlossen und da fanden Sie Ingrid Knörr?“
„Nein, zuerst habe ich geklingelt. Ingrid mochte es nicht, wenn ich einfach so in ihre Wohnung kam. Aber sie hat nicht aufgemacht. Ich dachte, sie schläft noch. Deshalb habe ich aufgeschlossen.“
Norbert Schorn atmete tief durch. „Und dann habe ich sie gefunden.“ Er stützte seinen Kopf mit den Händen. Die Polizeibeamten haßten diese Situation, in der die Angehörigen trauerten, sie aber trotzdem Ihre Fragen stellen mußten.
„Haben Sie die Tote angerührt?“ fragte Kommissar Hettenbach vorsichtig.
„Ja, das habe ich dem einen Beamten schon gesagt. Aber sie lag fast so da wie vorher. Ich habe sie hochgenommen und geschüttelt. Als ich merkte, daß sie tot ist, habe ich die Notrufnummer angerufen.“ Norbert Schorn hielt sich eine Hand vor die Augen. Er konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten und weinte hemmungslos. Der Arzt kam in die Küche. Rose sah ihn an. „Und?“ fragte er. Dr. Glasstetter sprach leise: „Der Tod ist wahrscheinlich gestern Abend zwischen 20°° und 24°° Uhr eingetreten. Sie hat Schläge ins Gesicht erhalten, allerdings nicht sehr starke. An den Oberarmen sind Druckstellen, eine Platzwunde im Genick. Das kann von einem Schlag mit einem scharfkantigen Gegenstand herrühren oder von einem Schlag gegen den Schreibtisch. Es ist möglich, daß sie dagegen gestoßen ist bei einem Sturz. Die Todesursache ist wahrscheinlich Genickbruch. Näheres kann ich erst bestimmen, wenn ich sie in der Gerichtsmedizin habe.“
„Gut“, meinte Hauptkommissar Rose. Der Arzt sagte noch, daß er die Leiche jetzt mitnähme. Dann ging er. Rose wandte sich Herrn Schorn zu.
„Wissen Sie, was Frau Knörr gestern Abend gemacht hat?“ Er öffnete den Küchenschrank und betrachtete ein Kaffeeservice. Jedes Teil des Geschirrs hatte ein anderes Blumenmotiv.
„Sie wollte sich mit einem Kommilitonen treffen, wegen einer Hausarbeit, die bis Freitag fertig sein muß“, beantwortete Norbert Schorn die Frage.
„Hat sie sich mit ihm getroffen?“ Rose fiel auf, daß eine Tasse fehlte.
„Weiß ich nicht, ich nehme es aber an.“
Der Hauptkommissar überlegte, welche Blume in der Sammlung fehlen könnte. „Wissen Sie, wie dieser Kommilitone heißt?“
„Nein. Ich stehe kurz vor dem zweiten Staatsexamen. Ingrid war erst im fünften Semester. Ich habe mit ihren Leuten nichts zu tun.“
„Was haben Sie gestern Abend gemacht, Herr Schorn?“ fragte Hauptkommissar Rose. Er schloß den Schrank und drehte sich herum.
„Ich habe Billard gespielt mit einem Freund.“
„Dann geben Sie meinem Kollegen Namen und Adresse Ihres Freundes. Wir müssen das überprüfen. Sie verstehen. Reine Routine.“
„Ja“, sagte Schorn. Kommissar Hettenbach setzte sich an den Küchentisch mit gezücktem Notizbuch und Kugelschreiber.
Rose ging in das Wohnzimmer. Er sah sich die Linie an, die man mit Kreide um die Tote herumgezogen hatte. Eine weiße Linie, die eine sitzende, an den Schreibtisch gelehnte Person zeigte. Zwei Beamte von der Spurensicherung packten gerade die Reste ihres Arbeitsgerätes ein.
„Was gefunden?“ fragte Rose Achim Schneider, den Rose seit mehr als zehn Jahren kannte.
Schneider sagte: „Viele Fingerabdrücke, verschiedene. Wir haben zwei Gläser mit Rotweinresten. Läßt wohl darauf schließen, daß die Tote Besuch hatte. Alles ist ziemlich ordentlich. Nichts deutet auf einen Kampf hin. Es ist fraglich, ob überhaupt einer stattgefunden hat. Raubmord keine Ahnung. Es sind keine Schubladen durchwühlt und keine Schränke. Nur die übliche Unordnung einer bewohnten Wohnung.“
„Danke“, murmelte Hauptkommissar Rose und ärgerte sich innerlich über die Bemerkung des Beamten bezüglich des Raubmordes. Zu schnell wurden Rückschlüsse gezogen, wenn auch nur irgendeine Schublade in ungewöhnlich auffälliger Unordnung vorhanden war. Er ging in die Küche.
„Wir können gehen“, sagte er.
Kommissar Hettenbach stand auf und sagte an Norbert Schorn gerichtet: „Sie müssen die Wohnung jetzt verlassen. Ihren Schlüssel geben Sie bitte ab. Solange die Ermittlungen laufen, dürfen Sie die Wohnung nicht betreten.“ Schorn reichte Hettenbach den Schlüssel. Die drei verließen zusammen die Wohnung. Der Kommissar schloß hinter ihnen ab. Norbert Schorn verabschiedete sich und verließ das Haus.
Rose und Hettenbach klingelten an der Wohnungstür im zweiten Stock. Niemand öffnete. Eine Etage tiefer im ersten Stock klingelten sie ebenfalls. Nach einer Minute öffnete ihnen eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm.
„Ja, bitte?“ fragte sie.
„Guten Tag. Wir sind von der Kriminalpolizei. Hauptkommissar Rose, Kommissar Hettenbach.“
„Ja, was ist denn da oben passiert?“ fragte die Frau neugierig.
„Dürfen wir reinkommen?“ Rose steckte seinen Ausweis wieder ein. Die Frau ließ die beiden in die Wohnung. Sie führte sie in eine Küche, in der sich schmutziges Geschirr stapelte.
„Sie kennen Ingrid Knörr?“ fragte Hettenbach.
„Ja, das Mädchen aus dem dritten Stock.“
Hettenbach räusperte sich und sagte dann: „Sie wurde letzte Nacht wahrscheinlich ermordet.“ „Was? Ach, du großer Gott!“ Die junge Frau war bestürzt.
„Haben Sie vielleicht irgend etwas Ungewöhnliches gestern Abend bemerkt?“
„Ich wüßte nicht, was.“
„Es geht um die Zeit zwischen 20°° und 24°° Uhr“, erklärte Rose. „Waren Sie da zu Hause?“ „Ja, abends bin ich immer daheim, wegen ihr.“ Sie wies auf das Baby. Rose und Hettenbach blickten das Baby an. Sein Gesicht verzog sich, es begann zu weinen.
„Sie fremdelt gerade“, erklärte die Frau und drückte dem Baby einen knallenden Knutscher auf die Wange.
„Wissen Sie, ob Ingrid Knörr Besuch hatte?“
„Nein, das kann ich nicht sagen. Ich war um halb elf noch wach, weil die Kleine Hunger hatte, aber ich habe nichts gehört.“
„Auch nichts im Treppenhaus?“ fragte Hettenbach. „Vielleicht, daß jemand hinauf oder hinunter gegangen ist?“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Es tut mir leid.“
„War noch jemand hier außer Ihnen und dem Baby?“
„Ja, mein Mann.“
„Vielleicht hat er etwas gehört.“
„Mein Mann hat schon früh geschlafen. Er hat Frühdienst heute, da geht er immer schon um neun ins Bett.“
„Gut, wir bedanken uns bei Ihnen. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, rufen Sie bitte diese Nummer an.“ Rose reichte der Frau eine kleine Visitenkarte mit der Adresse des Kommissariats. „Auf Wiedersehen.“
Die Beamten traten ins Treppenhaus. Rose drehte sich noch einmal um und fragte: „Ach, die Mieter aus dem zweiten Stock sind nicht da. Wissen Sie, wann die heute zurück kommen?“
„Da wohnen die Katizcs. Die sind nach Jugoslawien für einige Wochen.“
„Ach so“, sagte Rose, „auf Wiedersehen.“ Er und Hettenbach gingen die Treppe hinunter und klingelten im Erdgeschoß. Es öffnete niemand. Sie verließen das Haus.
„Schauen wir uns mal das Haus von hinten an“, sagte Rose. Die beiden gingen durch eine Unterführung im Haus hindurch und kamen in einen Hinterhof.
„Da gibt es ja ein Hinterhaus“, fiel Hettenbach auf. „Vielleicht hat von denen jemand etwas gesehen.“
„Möglich“, erwiderte Rose. „Kommen Sie, mal sehen, ob wir jemanden finden, der nachts seine Nachbarn beobachtet.“
Sie gingen durch die Unterführung zurück zur Straße.
„Rechts oder links?“ fragte Rose. Der Polizist, der die beiden hergefahren hatte, öffnete die Wagentür, als er sie sah.
„Gehen Sie Mittagessen“, sagte Hettenbach zu ihm, „es dauert noch. Seien Sie in einer Stunde wieder hier.“
„Und was, wenn wir nur zehn Minuten brauchen?“ fragte Rose. „Ich bin eben Optimist“, antwortete Hettenbach. Und dann: „Also, ich denke, wir gehen links.“
Sie liefen den Bürgersteig entlang. Er führte in einer leichten Kurve um den Häuserblock herum zur Hauptstraße. Die vorbeirauschenden Autos übertönten beinahe seine Worte, als Rose sagte: „Das könnte das Hinterhaus sein.“
Hettenbach klingelte bei der Erdgeschoßwohnung. Erna Veckenstadt stand auf dem Namensschild. Die Haustür ging auf. Einige Stufen aufwärts stand eine alte, weißhaarige Frau in der Wohnungstür. Der Hauptkommissar erklärte kurz, wer sie waren. „Ist dies das Haus gegenüber dem Haus Krummer Timpen Nr. 25?“
„Ach, das weiß ich nicht, welche Nummer das Hinterhaus hat“, erwiderte die alte Frau.
„Könnten wir vielleicht einmal nachsehen?“ fragte Rose. Frau Veckenstadt reagierte wie alle alten Damen auf Roses liebenswürdigen Charme. Sie ließ die beiden herein und führte sie durch einen geräumigen Flur in ein noch geräumigeres Wohnzimmer.
„Schauen Sie, das ist das Hinterhaus“, sagte sie. Rose und Hettenbach sahen aus dem Fenster. „Ja, das ist das Haus“, stellte Rose fest. Und zu Hettenbach: „Gehen Sie zu den anderen Mietern, fangen Sie ganz oben an, und sehen Sie zu, daß Sie etwas erfahren. Wir treffen uns dann in der Mitte.“
„In Ordnung“, sagte der Kommissar und verließ die Wohnung. Rose war sofort aufgefallen, daß die alte Dame vom Hinterhaus gesprochen hatte. Wenn er es genau bedachte, fragte er sich, welches der Häuser nun das Vorderhaus und welches das Hinterhaus war. Er betrachtete das Haus, in dem man die Tote gefunden hatte und beschloß für sich, daß es das Vorderhaus bleiben sollte, auch wenn es eigentlich nicht an der Hauptstraße lag. Er wandte sich der alten Dame zu, die ihn erwartungsvoll ansah.
„Frau Veckenstadt, wir ermitteln in einem Mordfall im Haus gegenüber. Da Sie von hier aus das Haus einsehen können, wäre es möglich, daß Sie etwas beobachtet haben, das für uns wichtig ist.“
„Aber nein, wenn ich einen Mord gesehen hätte, hätte ich doch gleich die Polizei gerufen.“
„Ja, natürlich, davon gehe ich aus.“ Rose sprach sanft und freundlich. „Ich meinte das auch nicht so, Frau Veckenstadt. Aber vielleicht haben Sie etwas anderes gesehen. Zum Beispiel Licht, oder die Mieter im Haus. Waren Sie denn gestern abend zwischen 20°° und 24°° Uhr noch wach?“ „Oh, ja, ich gehe immer sehr spät schlafen. Wissen Sie, ich kann abends nicht einschlafen. Das liegt am Alter.“
„Haben Sie mal aus dem Fenster gesehen, gestern abend?“
„Ja, ja, ich sehe oft aus dem Fenster.“
„Haben Sie Licht im Nachbarhaus gesehen?“
„Moment“, Frau Veckenstadt ging zur Balkontür. Sie sah sich das Haus gegenüber an. „Ja, da war Licht. Ganz oben brannte Licht. Darunter war es dunkel. Im ersten Stock brannte wieder Licht; da hat das Baby den ganzen Abend geweint. Das bekommt sicher den ersten Zahn.“
„War im Erdgeschoß auch jemand da?“
„Ja, im Erdgeschoß war Licht.“
„Haben Sie im dritten Stock jemanden am Fenster gesehen?“
„Nein, das tut mir leid. Ich habe nur die junge Frau im Erdgeschoß gesehen. Sie ist Fotografin. Sie saß in ihrer Küche. Sehen Sie“, Erna Veckenstadt wies auf das Küchenfenster gegenüber, „sie saß den ganzen Abend am Tisch und las und schrieb.“
„War sie alleine?“
„Ich glaube ja. Ist mit ihr etwas passiert?“
„Nein, um sie geht es nicht. Eine Studentin im dritten Stock wurde getötet.“
„Ach, Gott, und jetzt suchen Sie den Mörder?“
„Oder die Mörderin“, erwiderte Hauptkommissar Rose.
„Das hier so etwas passiert.“ Die alte Frau schüttelte den Kopf. „Wollen Sie nicht einen Kaffee trinken?“ fragte sie freundlich. Rose wehrte ab: „Das ist sehr liebenswürdig, aber ich habe noch sehr viel Arbeit, Frau Veckenstadt. Sollte Ihnen noch etwas Wichtiges einfallen, können Sie mich jederzeit im Kommissariat anrufen.“ Er gab der alten Frau das übliche Kärtchen mit seiner Büronummer. „Vielen Dank für Ihre Auskunft.“
„Ach, bitte. Hoffentlich konnte ich Ihnen von Nutzen sein.“
„Sicher, auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen, Herr Inspektor.“ Rose lächelte. Er wunderte sich immer wieder darüber, daß alle Damen über siebzig Inspektor zu ihm sagten. Hinter ihm schloß sich die Tür.
Die beiden Beamten wären fast zusammengestoßen, als der eine die Treppe hinauf eilte und der andere gerade hinunter. „Und?“ fragte Rose erwartungsvoll.
„Nichts“, erwiderte Hettenbach. „Die Hälfte ist nicht da. Die andere Hälfte war gestern abend nicht da.“
„Na ja, bei mir war auch nicht viel. Aber wir müssen nachher noch mal drüben im Erdgeschoß klingeln. Die Frau, die dort wohnt, war nach Frau Veckenstadts Aussage gestern abend zu Hause.“ Die Beamten gingen zurück zum Krummen Timpen. Der Polizist, der sie abholen sollte, war noch nicht da.
„Also, ich denke, wir fahren gleich zurück ins Präsidium“, sagte Rose. „Ich werde mich darum kümmern, herauszubekommen, wer besagter Kommilitone ist, der gestern bei der Toten war. Und Sie werden herauskriegen, in welchen Kreisen unsere junge Dame verkehrt hat.“ Hettenbach betrachtete seinen Chef prüfend von der Seite. „Wer sagt es den Eltern?“ fragte er vorsichtig.
„Nicht wir“, erwiderte Rose. „Das soll unser Nesthäkchen machen.“
Hettenbach atmete erleichtert auf. „Ja, das kann er inzwischen ganz gut. Wo ist er eigentlich heute morgen?“
„Hat einen Termin beim Zahnarzt“, brummte Rose.
„Was will der denn beim Zahnarzt mit den Zähnen?“ fragte Hettenbach verblüfft. „Damit kann er doch Werbung für Zahnpasta machen.“ Hettenbach sah Dominique Goutier vor sich, wie er am ersten Tag vor zwei Jahren im Büro auftauchte. Jung, beinahe noch grün hinter den Ohren; mit seinem strahlenden, weißen Lachen nahm er sie alle sofort gefangen. Nichts als riesige, blitzende Zähne hatte man gesehen. Ein Auto hielt am Bordstein.
„Guten Morgen, zusammen. Man hat mir gesagt, daß ich hier zwei verloren Kripobeamte auflesen soll.“
„Wenn man vom Teufel sprich“, konstatierte Hettenbach. Sie stiegen ins Auto.
„Wohin?“ fragte der junge Mann und zeigte den beiden sein strahlend weißes Gebiß.
„Mich setzen Sie im Präsidium ab. Und für Sie habe ich auch schon etwas.“ Rose erläuterte Dominique Goutier kurz den Sachverhalt. „Sie werden den Eltern die Nachricht überbringen, wenn sie es nicht sowieso schon von Herrn Schorn erfahren haben.“
„Oh, nein“, stöhnte Goutier, „immer ich.“
„Du kannst das so gut“, sagte Hettenbach schmunzelnd.
„Außerdem brauchen Sie Routine darin“, erklärte Rose. „Sie können dann auch gleich die üblichen Fragen stellen. Ob die Eltern noch mal mit ihr gestern abend telefoniert haben, und so weiter.“
„Ja, ja, mit den Kleinen kann man es ja machen“, nuschelte Goutier.
„Hettenbach wird Sie begleiten, nicht wahr, Hetti?“ Rose drehte sich um und grinste den Kommissar an.
„Aber HKB, Sie haben gesagt...“
„Ich habe nur gesagt, daß Goutier die Nachricht überbringt und Sie sich nach dem Freundeskreis erkundigen sollen. Wo fängt man normalerweise damit an?“
„Bei den Eltern“, sagten Goutier und Hettenbach im Chor.
„Na, also“, konstatierte Böse, „es geht doch. Wie war es beim Zahnarzt?“ fragte er den jungen Kollegen. Der zeigte nur sein strahlend weißes Gebiß und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Im Büro setzte Hauptkommissar Rose sich an seinen Schreibtisch. Neben ihm lag sein Brot, das er sich täglich mit ins Büro nahm, er trank Kaffee. Es war bereits 15°° Uhr vorbei. In der Zwischenzeit hatte er einige Dinge erledigt. Er hatte mit der Universität telefoniert, um die Namen der lehrtätigen Juristen zu erfahren. Es gab insgesamt sieben. Die hatte er dann der Reihe nach versucht zu erreichen, um den Namen des Kommilitonen der Ingrid Knörr herauszubekommen. Zwei Dozenten hatten sich in Vorlesungen aufgehalten. Einer war zu Hause gewesen, aber nicht der Richtige. Zwei befanden sich in der Mensa beim Mittagessen. Beim siebenten hatte Rose endlich Glück gehabt. Er war Zuhause, und er war der Gesuchte. Das alles dauerte ungefähr eine Stunde. Hauptkommissar Roses Brot war bereits leicht angetrocknet, als er zum dritten Mal daran abbiß. Die betreffende Person kannte Ingrid Knörr, da sie schon einmal eine Hausarbeit bei ihm angefertigt hatte. Rose erfuhr, daß Hausarbeiten nicht zusammen geschrieben wurden. Es war in der Regel so, daß viele Studenten sich gegenseitig halfen bei dem einen oder anderen Problem. Der Dozent wußte nicht, mit wem sich Ingrid Knörr verabredet haben konnte. Rose schrieb sich die Namen der Kommilitonen auf, die dieses Thema der Hausarbeit bearbeiten mußten. Es waren elf. Hauptkommissar Rose telefonierte mindestens eine weitere Stunde lang, bis er schließlich den Studenten erwischte, der der Fragliche war. Nachdem er diesem mitgeteilt hatte, worum es ging, und daß er gerne mit ihm sprechen wolle, erhielt Rose nur ein betretenes Schweigen als Antwort. Der junge Mann sagte erst nach einer ganzen Weile, er sei Zuhause und würde nicht mehr weggehen. Rose legte erschöpft den Hörer auf. Er rieb sich sein linkes Ohr, das so rot leuchtete wie eine Tomate. Kommissar Hettenbach kam herein. „HKB, ich habe hier den Bericht vom Labor“, sagte er. „Interessant und wahnsinnig informativ. In den Gläsern befanden sich Reste von Rotwein. Das hätte ich auch ohne Labor herausgefunden. Auf einem Glas ist ein halber, noch nicht identifizierter Fingerabdruck. Die restlichen darauf waren verwischt. Auf dem anderen Glas befinden sich die Abdrücke der Toten. Unter ihren Fingernägeln waren Fasern von Wolle, die von ihrem eigenen Pullover stammen, den sie zur Tatzeit trug. Das ist alles.“ Hettenbach setzte sich. „Ihr Ohr ist ganz rot“, bemerkte er.
„Ach“, brummte Rose. „Was sagt die Gerichtsmedizin?“ Er rieb sich immer noch das Ohr. Es war ganz heiß.
„Da gibt es auch nicht viel“, setzte Hettenbach fort. „Der Tod trat ein um circa 22.30 Uhr. Todesursache Genickbruch, vermutlich ist sie gegen den Schreibtisch gestoßen. Sie hat im Nacken eine fünf Zentimeter lange Platzwunde; auf der Schreibtischkante klebten Blut und Hautreste. Leichte Blutergüsse an den Oberarmen durch zu festen Druck von Händen. Sie hat einen Schlag ins Gesicht erhalten, der auf ihrer linken Wange einen kaum sichtbaren Abdruck hinterlassen hat. Ansonsten gibt es keine Anzeichen für stärkere Gewalt. Das wär's. Und hier sind die Fotos.“ Hettenbach reichte Rose eine Akte. „Sind auch nicht sehr aufschlußreich.“
Der Hauptkommissar betrachtete die Fotos aufmerksam und sagte dann: „Vielleicht ist sie gar nicht umgebracht worden.“ Er rieb sich wieder sein Ohr. „Aber, wie ist sie dann gestorben? Ein blöder Unfall, oder was?“ Er legte die Akte sorgfältig auf den Schreibtisch. „Was habt ihr bei den Eltern erfahren?“
„Sie waren sehr bestürzt, als Dominique Ihnen die Nachricht mitteilte. Er hat das mal wieder fabelhaft gemacht. Da hat er die schönsten Zähne der Welt in seinem Mund, aber wenn es um so etwas geht, klappern sie, als würden sie jeden Moment herausfallen. Also, es ist eine ganz durchschnittliche Familie mit mittlerem Einkommen. Gutes Verhältnis zur Tochter, regelmäßiger Kontakt, aber nicht gestern abend. Wir haben einige Adressen von Freunden. Dominique klappert sie gerade ab.“
„Schön“, sagte Rose. „Schreiben wir erst mal unsere eigenen Berichte.“ Mißmutig betrachtete er sein Brot, dessen Ränder sich mittlerweile nach oben bogen. "Gehen wir zusammen in die Kantine, Hetti?"
Fortsetzung folgt...
„Noch sehr jung“, konstatierte er. „Was habt ihr bis jetzt?“ wandte sich der Hauptkommissar an einen uniformierten Beamten. Der nahm einen Notizblock und las vor: „Gefunden wurde die Tote von ihrem Freund, Norbert Schorn. Sie heißt Ingrid Knörr, ist fünfundzwanzig Jahre alt, studiert Jura. Schorn konnte sich Zutritt zur Wohnung verschaffen, weil er einen Schlüssel besitzt.“
„Kann ich die Leiche jetzt untersuchen?“ unterbrach Dr. Glasstetter, der Gerichtsmediziner. Rose nickte. Er wandte sich wieder dem Beamten zu.
„Das war es schon“, sagte dieser. „Herr Schorn sitzt übrigens in der Küche.“
„Danke“, murmelte Rose. Er und sein Mitarbeiter gingen zur Küche. Ein junger Mann saß zusammengesunken auf einem Stuhl. „Guten Tag, ich bin Hauptkommissar Rose, mein Kollege Kommissar Hettenbach.“
„Guten Tag“, sagte der junge Mann, „ich bin Norbert Schorn. Frau Knörr ist meine Freundin.“ „Ja, wir wissen Bescheid“, sagte Rose. Schorn saß da wie ein Häufchen Elend.
„Sie waren mit der Toten befreundet“, stellte Rosefest. „Eine enge Beziehung, nehme ich an, da Sie einen Schlüssel für die Wohnung besitzen.“
„Ja“, sagte Schorn und den Rest hauchte er fast, „wir wollten nach dem Studium heiraten.“ Er preßte die Finger auf seine Augen. Rose registrierte, daß sich der junge Mann offensichtlich bemühte, seine Tränen zurückzuhalten.
„Was wollten Sie heute morgen hier?“ fragte Kommissar Hettenbach in ruhigem Ton.
„Ich war mit Ingrid verabredet. Wir wollten zusammen frühstücken und dann zur Uni gehen.“
„Was studieren Sie?“ fragte Hettenbach weiter.
„Jura.“
„Wie Ihre Freundin“, bemerkte Rose.
„Ja.“
„Sie haben also die Wohnung aufgeschlossen und da fanden Sie Ingrid Knörr?“
„Nein, zuerst habe ich geklingelt. Ingrid mochte es nicht, wenn ich einfach so in ihre Wohnung kam. Aber sie hat nicht aufgemacht. Ich dachte, sie schläft noch. Deshalb habe ich aufgeschlossen.“
Norbert Schorn atmete tief durch. „Und dann habe ich sie gefunden.“ Er stützte seinen Kopf mit den Händen. Die Polizeibeamten haßten diese Situation, in der die Angehörigen trauerten, sie aber trotzdem Ihre Fragen stellen mußten.
„Haben Sie die Tote angerührt?“ fragte Kommissar Hettenbach vorsichtig.
„Ja, das habe ich dem einen Beamten schon gesagt. Aber sie lag fast so da wie vorher. Ich habe sie hochgenommen und geschüttelt. Als ich merkte, daß sie tot ist, habe ich die Notrufnummer angerufen.“ Norbert Schorn hielt sich eine Hand vor die Augen. Er konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten und weinte hemmungslos. Der Arzt kam in die Küche. Rose sah ihn an. „Und?“ fragte er. Dr. Glasstetter sprach leise: „Der Tod ist wahrscheinlich gestern Abend zwischen 20°° und 24°° Uhr eingetreten. Sie hat Schläge ins Gesicht erhalten, allerdings nicht sehr starke. An den Oberarmen sind Druckstellen, eine Platzwunde im Genick. Das kann von einem Schlag mit einem scharfkantigen Gegenstand herrühren oder von einem Schlag gegen den Schreibtisch. Es ist möglich, daß sie dagegen gestoßen ist bei einem Sturz. Die Todesursache ist wahrscheinlich Genickbruch. Näheres kann ich erst bestimmen, wenn ich sie in der Gerichtsmedizin habe.“
„Gut“, meinte Hauptkommissar Rose. Der Arzt sagte noch, daß er die Leiche jetzt mitnähme. Dann ging er. Rose wandte sich Herrn Schorn zu.
„Wissen Sie, was Frau Knörr gestern Abend gemacht hat?“ Er öffnete den Küchenschrank und betrachtete ein Kaffeeservice. Jedes Teil des Geschirrs hatte ein anderes Blumenmotiv.
„Sie wollte sich mit einem Kommilitonen treffen, wegen einer Hausarbeit, die bis Freitag fertig sein muß“, beantwortete Norbert Schorn die Frage.
„Hat sie sich mit ihm getroffen?“ Rose fiel auf, daß eine Tasse fehlte.
„Weiß ich nicht, ich nehme es aber an.“
Der Hauptkommissar überlegte, welche Blume in der Sammlung fehlen könnte. „Wissen Sie, wie dieser Kommilitone heißt?“
„Nein. Ich stehe kurz vor dem zweiten Staatsexamen. Ingrid war erst im fünften Semester. Ich habe mit ihren Leuten nichts zu tun.“
„Was haben Sie gestern Abend gemacht, Herr Schorn?“ fragte Hauptkommissar Rose. Er schloß den Schrank und drehte sich herum.
„Ich habe Billard gespielt mit einem Freund.“
„Dann geben Sie meinem Kollegen Namen und Adresse Ihres Freundes. Wir müssen das überprüfen. Sie verstehen. Reine Routine.“
„Ja“, sagte Schorn. Kommissar Hettenbach setzte sich an den Küchentisch mit gezücktem Notizbuch und Kugelschreiber.
Rose ging in das Wohnzimmer. Er sah sich die Linie an, die man mit Kreide um die Tote herumgezogen hatte. Eine weiße Linie, die eine sitzende, an den Schreibtisch gelehnte Person zeigte. Zwei Beamte von der Spurensicherung packten gerade die Reste ihres Arbeitsgerätes ein.
„Was gefunden?“ fragte Rose Achim Schneider, den Rose seit mehr als zehn Jahren kannte.
Schneider sagte: „Viele Fingerabdrücke, verschiedene. Wir haben zwei Gläser mit Rotweinresten. Läßt wohl darauf schließen, daß die Tote Besuch hatte. Alles ist ziemlich ordentlich. Nichts deutet auf einen Kampf hin. Es ist fraglich, ob überhaupt einer stattgefunden hat. Raubmord keine Ahnung. Es sind keine Schubladen durchwühlt und keine Schränke. Nur die übliche Unordnung einer bewohnten Wohnung.“
„Danke“, murmelte Hauptkommissar Rose und ärgerte sich innerlich über die Bemerkung des Beamten bezüglich des Raubmordes. Zu schnell wurden Rückschlüsse gezogen, wenn auch nur irgendeine Schublade in ungewöhnlich auffälliger Unordnung vorhanden war. Er ging in die Küche.
„Wir können gehen“, sagte er.
Kommissar Hettenbach stand auf und sagte an Norbert Schorn gerichtet: „Sie müssen die Wohnung jetzt verlassen. Ihren Schlüssel geben Sie bitte ab. Solange die Ermittlungen laufen, dürfen Sie die Wohnung nicht betreten.“ Schorn reichte Hettenbach den Schlüssel. Die drei verließen zusammen die Wohnung. Der Kommissar schloß hinter ihnen ab. Norbert Schorn verabschiedete sich und verließ das Haus.
Rose und Hettenbach klingelten an der Wohnungstür im zweiten Stock. Niemand öffnete. Eine Etage tiefer im ersten Stock klingelten sie ebenfalls. Nach einer Minute öffnete ihnen eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm.
„Ja, bitte?“ fragte sie.
„Guten Tag. Wir sind von der Kriminalpolizei. Hauptkommissar Rose, Kommissar Hettenbach.“
„Ja, was ist denn da oben passiert?“ fragte die Frau neugierig.
„Dürfen wir reinkommen?“ Rose steckte seinen Ausweis wieder ein. Die Frau ließ die beiden in die Wohnung. Sie führte sie in eine Küche, in der sich schmutziges Geschirr stapelte.
„Sie kennen Ingrid Knörr?“ fragte Hettenbach.
„Ja, das Mädchen aus dem dritten Stock.“
Hettenbach räusperte sich und sagte dann: „Sie wurde letzte Nacht wahrscheinlich ermordet.“ „Was? Ach, du großer Gott!“ Die junge Frau war bestürzt.
„Haben Sie vielleicht irgend etwas Ungewöhnliches gestern Abend bemerkt?“
„Ich wüßte nicht, was.“
„Es geht um die Zeit zwischen 20°° und 24°° Uhr“, erklärte Rose. „Waren Sie da zu Hause?“ „Ja, abends bin ich immer daheim, wegen ihr.“ Sie wies auf das Baby. Rose und Hettenbach blickten das Baby an. Sein Gesicht verzog sich, es begann zu weinen.
„Sie fremdelt gerade“, erklärte die Frau und drückte dem Baby einen knallenden Knutscher auf die Wange.
„Wissen Sie, ob Ingrid Knörr Besuch hatte?“
„Nein, das kann ich nicht sagen. Ich war um halb elf noch wach, weil die Kleine Hunger hatte, aber ich habe nichts gehört.“
„Auch nichts im Treppenhaus?“ fragte Hettenbach. „Vielleicht, daß jemand hinauf oder hinunter gegangen ist?“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Es tut mir leid.“
„War noch jemand hier außer Ihnen und dem Baby?“
„Ja, mein Mann.“
„Vielleicht hat er etwas gehört.“
„Mein Mann hat schon früh geschlafen. Er hat Frühdienst heute, da geht er immer schon um neun ins Bett.“
„Gut, wir bedanken uns bei Ihnen. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, rufen Sie bitte diese Nummer an.“ Rose reichte der Frau eine kleine Visitenkarte mit der Adresse des Kommissariats. „Auf Wiedersehen.“
Die Beamten traten ins Treppenhaus. Rose drehte sich noch einmal um und fragte: „Ach, die Mieter aus dem zweiten Stock sind nicht da. Wissen Sie, wann die heute zurück kommen?“
„Da wohnen die Katizcs. Die sind nach Jugoslawien für einige Wochen.“
„Ach so“, sagte Rose, „auf Wiedersehen.“ Er und Hettenbach gingen die Treppe hinunter und klingelten im Erdgeschoß. Es öffnete niemand. Sie verließen das Haus.
„Schauen wir uns mal das Haus von hinten an“, sagte Rose. Die beiden gingen durch eine Unterführung im Haus hindurch und kamen in einen Hinterhof.
„Da gibt es ja ein Hinterhaus“, fiel Hettenbach auf. „Vielleicht hat von denen jemand etwas gesehen.“
„Möglich“, erwiderte Rose. „Kommen Sie, mal sehen, ob wir jemanden finden, der nachts seine Nachbarn beobachtet.“
Sie gingen durch die Unterführung zurück zur Straße.
„Rechts oder links?“ fragte Rose. Der Polizist, der die beiden hergefahren hatte, öffnete die Wagentür, als er sie sah.
„Gehen Sie Mittagessen“, sagte Hettenbach zu ihm, „es dauert noch. Seien Sie in einer Stunde wieder hier.“
„Und was, wenn wir nur zehn Minuten brauchen?“ fragte Rose. „Ich bin eben Optimist“, antwortete Hettenbach. Und dann: „Also, ich denke, wir gehen links.“
Sie liefen den Bürgersteig entlang. Er führte in einer leichten Kurve um den Häuserblock herum zur Hauptstraße. Die vorbeirauschenden Autos übertönten beinahe seine Worte, als Rose sagte: „Das könnte das Hinterhaus sein.“
Hettenbach klingelte bei der Erdgeschoßwohnung. Erna Veckenstadt stand auf dem Namensschild. Die Haustür ging auf. Einige Stufen aufwärts stand eine alte, weißhaarige Frau in der Wohnungstür. Der Hauptkommissar erklärte kurz, wer sie waren. „Ist dies das Haus gegenüber dem Haus Krummer Timpen Nr. 25?“
„Ach, das weiß ich nicht, welche Nummer das Hinterhaus hat“, erwiderte die alte Frau.
„Könnten wir vielleicht einmal nachsehen?“ fragte Rose. Frau Veckenstadt reagierte wie alle alten Damen auf Roses liebenswürdigen Charme. Sie ließ die beiden herein und führte sie durch einen geräumigen Flur in ein noch geräumigeres Wohnzimmer.
„Schauen Sie, das ist das Hinterhaus“, sagte sie. Rose und Hettenbach sahen aus dem Fenster. „Ja, das ist das Haus“, stellte Rose fest. Und zu Hettenbach: „Gehen Sie zu den anderen Mietern, fangen Sie ganz oben an, und sehen Sie zu, daß Sie etwas erfahren. Wir treffen uns dann in der Mitte.“
„In Ordnung“, sagte der Kommissar und verließ die Wohnung. Rose war sofort aufgefallen, daß die alte Dame vom Hinterhaus gesprochen hatte. Wenn er es genau bedachte, fragte er sich, welches der Häuser nun das Vorderhaus und welches das Hinterhaus war. Er betrachtete das Haus, in dem man die Tote gefunden hatte und beschloß für sich, daß es das Vorderhaus bleiben sollte, auch wenn es eigentlich nicht an der Hauptstraße lag. Er wandte sich der alten Dame zu, die ihn erwartungsvoll ansah.
„Frau Veckenstadt, wir ermitteln in einem Mordfall im Haus gegenüber. Da Sie von hier aus das Haus einsehen können, wäre es möglich, daß Sie etwas beobachtet haben, das für uns wichtig ist.“
„Aber nein, wenn ich einen Mord gesehen hätte, hätte ich doch gleich die Polizei gerufen.“
„Ja, natürlich, davon gehe ich aus.“ Rose sprach sanft und freundlich. „Ich meinte das auch nicht so, Frau Veckenstadt. Aber vielleicht haben Sie etwas anderes gesehen. Zum Beispiel Licht, oder die Mieter im Haus. Waren Sie denn gestern abend zwischen 20°° und 24°° Uhr noch wach?“ „Oh, ja, ich gehe immer sehr spät schlafen. Wissen Sie, ich kann abends nicht einschlafen. Das liegt am Alter.“
„Haben Sie mal aus dem Fenster gesehen, gestern abend?“
„Ja, ja, ich sehe oft aus dem Fenster.“
„Haben Sie Licht im Nachbarhaus gesehen?“
„Moment“, Frau Veckenstadt ging zur Balkontür. Sie sah sich das Haus gegenüber an. „Ja, da war Licht. Ganz oben brannte Licht. Darunter war es dunkel. Im ersten Stock brannte wieder Licht; da hat das Baby den ganzen Abend geweint. Das bekommt sicher den ersten Zahn.“
„War im Erdgeschoß auch jemand da?“
„Ja, im Erdgeschoß war Licht.“
„Haben Sie im dritten Stock jemanden am Fenster gesehen?“
„Nein, das tut mir leid. Ich habe nur die junge Frau im Erdgeschoß gesehen. Sie ist Fotografin. Sie saß in ihrer Küche. Sehen Sie“, Erna Veckenstadt wies auf das Küchenfenster gegenüber, „sie saß den ganzen Abend am Tisch und las und schrieb.“
„War sie alleine?“
„Ich glaube ja. Ist mit ihr etwas passiert?“
„Nein, um sie geht es nicht. Eine Studentin im dritten Stock wurde getötet.“
„Ach, Gott, und jetzt suchen Sie den Mörder?“
„Oder die Mörderin“, erwiderte Hauptkommissar Rose.
„Das hier so etwas passiert.“ Die alte Frau schüttelte den Kopf. „Wollen Sie nicht einen Kaffee trinken?“ fragte sie freundlich. Rose wehrte ab: „Das ist sehr liebenswürdig, aber ich habe noch sehr viel Arbeit, Frau Veckenstadt. Sollte Ihnen noch etwas Wichtiges einfallen, können Sie mich jederzeit im Kommissariat anrufen.“ Er gab der alten Frau das übliche Kärtchen mit seiner Büronummer. „Vielen Dank für Ihre Auskunft.“
„Ach, bitte. Hoffentlich konnte ich Ihnen von Nutzen sein.“
„Sicher, auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen, Herr Inspektor.“ Rose lächelte. Er wunderte sich immer wieder darüber, daß alle Damen über siebzig Inspektor zu ihm sagten. Hinter ihm schloß sich die Tür.
Die beiden Beamten wären fast zusammengestoßen, als der eine die Treppe hinauf eilte und der andere gerade hinunter. „Und?“ fragte Rose erwartungsvoll.
„Nichts“, erwiderte Hettenbach. „Die Hälfte ist nicht da. Die andere Hälfte war gestern abend nicht da.“
„Na ja, bei mir war auch nicht viel. Aber wir müssen nachher noch mal drüben im Erdgeschoß klingeln. Die Frau, die dort wohnt, war nach Frau Veckenstadts Aussage gestern abend zu Hause.“ Die Beamten gingen zurück zum Krummen Timpen. Der Polizist, der sie abholen sollte, war noch nicht da.
„Also, ich denke, wir fahren gleich zurück ins Präsidium“, sagte Rose. „Ich werde mich darum kümmern, herauszubekommen, wer besagter Kommilitone ist, der gestern bei der Toten war. Und Sie werden herauskriegen, in welchen Kreisen unsere junge Dame verkehrt hat.“ Hettenbach betrachtete seinen Chef prüfend von der Seite. „Wer sagt es den Eltern?“ fragte er vorsichtig.
„Nicht wir“, erwiderte Rose. „Das soll unser Nesthäkchen machen.“
Hettenbach atmete erleichtert auf. „Ja, das kann er inzwischen ganz gut. Wo ist er eigentlich heute morgen?“
„Hat einen Termin beim Zahnarzt“, brummte Rose.
„Was will der denn beim Zahnarzt mit den Zähnen?“ fragte Hettenbach verblüfft. „Damit kann er doch Werbung für Zahnpasta machen.“ Hettenbach sah Dominique Goutier vor sich, wie er am ersten Tag vor zwei Jahren im Büro auftauchte. Jung, beinahe noch grün hinter den Ohren; mit seinem strahlenden, weißen Lachen nahm er sie alle sofort gefangen. Nichts als riesige, blitzende Zähne hatte man gesehen. Ein Auto hielt am Bordstein.
„Guten Morgen, zusammen. Man hat mir gesagt, daß ich hier zwei verloren Kripobeamte auflesen soll.“
„Wenn man vom Teufel sprich“, konstatierte Hettenbach. Sie stiegen ins Auto.
„Wohin?“ fragte der junge Mann und zeigte den beiden sein strahlend weißes Gebiß.
„Mich setzen Sie im Präsidium ab. Und für Sie habe ich auch schon etwas.“ Rose erläuterte Dominique Goutier kurz den Sachverhalt. „Sie werden den Eltern die Nachricht überbringen, wenn sie es nicht sowieso schon von Herrn Schorn erfahren haben.“
„Oh, nein“, stöhnte Goutier, „immer ich.“
„Du kannst das so gut“, sagte Hettenbach schmunzelnd.
„Außerdem brauchen Sie Routine darin“, erklärte Rose. „Sie können dann auch gleich die üblichen Fragen stellen. Ob die Eltern noch mal mit ihr gestern abend telefoniert haben, und so weiter.“
„Ja, ja, mit den Kleinen kann man es ja machen“, nuschelte Goutier.
„Hettenbach wird Sie begleiten, nicht wahr, Hetti?“ Rose drehte sich um und grinste den Kommissar an.
„Aber HKB, Sie haben gesagt...“
„Ich habe nur gesagt, daß Goutier die Nachricht überbringt und Sie sich nach dem Freundeskreis erkundigen sollen. Wo fängt man normalerweise damit an?“
„Bei den Eltern“, sagten Goutier und Hettenbach im Chor.
„Na, also“, konstatierte Böse, „es geht doch. Wie war es beim Zahnarzt?“ fragte er den jungen Kollegen. Der zeigte nur sein strahlend weißes Gebiß und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Im Büro setzte Hauptkommissar Rose sich an seinen Schreibtisch. Neben ihm lag sein Brot, das er sich täglich mit ins Büro nahm, er trank Kaffee. Es war bereits 15°° Uhr vorbei. In der Zwischenzeit hatte er einige Dinge erledigt. Er hatte mit der Universität telefoniert, um die Namen der lehrtätigen Juristen zu erfahren. Es gab insgesamt sieben. Die hatte er dann der Reihe nach versucht zu erreichen, um den Namen des Kommilitonen der Ingrid Knörr herauszubekommen. Zwei Dozenten hatten sich in Vorlesungen aufgehalten. Einer war zu Hause gewesen, aber nicht der Richtige. Zwei befanden sich in der Mensa beim Mittagessen. Beim siebenten hatte Rose endlich Glück gehabt. Er war Zuhause, und er war der Gesuchte. Das alles dauerte ungefähr eine Stunde. Hauptkommissar Roses Brot war bereits leicht angetrocknet, als er zum dritten Mal daran abbiß. Die betreffende Person kannte Ingrid Knörr, da sie schon einmal eine Hausarbeit bei ihm angefertigt hatte. Rose erfuhr, daß Hausarbeiten nicht zusammen geschrieben wurden. Es war in der Regel so, daß viele Studenten sich gegenseitig halfen bei dem einen oder anderen Problem. Der Dozent wußte nicht, mit wem sich Ingrid Knörr verabredet haben konnte. Rose schrieb sich die Namen der Kommilitonen auf, die dieses Thema der Hausarbeit bearbeiten mußten. Es waren elf. Hauptkommissar Rose telefonierte mindestens eine weitere Stunde lang, bis er schließlich den Studenten erwischte, der der Fragliche war. Nachdem er diesem mitgeteilt hatte, worum es ging, und daß er gerne mit ihm sprechen wolle, erhielt Rose nur ein betretenes Schweigen als Antwort. Der junge Mann sagte erst nach einer ganzen Weile, er sei Zuhause und würde nicht mehr weggehen. Rose legte erschöpft den Hörer auf. Er rieb sich sein linkes Ohr, das so rot leuchtete wie eine Tomate. Kommissar Hettenbach kam herein. „HKB, ich habe hier den Bericht vom Labor“, sagte er. „Interessant und wahnsinnig informativ. In den Gläsern befanden sich Reste von Rotwein. Das hätte ich auch ohne Labor herausgefunden. Auf einem Glas ist ein halber, noch nicht identifizierter Fingerabdruck. Die restlichen darauf waren verwischt. Auf dem anderen Glas befinden sich die Abdrücke der Toten. Unter ihren Fingernägeln waren Fasern von Wolle, die von ihrem eigenen Pullover stammen, den sie zur Tatzeit trug. Das ist alles.“ Hettenbach setzte sich. „Ihr Ohr ist ganz rot“, bemerkte er.
„Ach“, brummte Rose. „Was sagt die Gerichtsmedizin?“ Er rieb sich immer noch das Ohr. Es war ganz heiß.
„Da gibt es auch nicht viel“, setzte Hettenbach fort. „Der Tod trat ein um circa 22.30 Uhr. Todesursache Genickbruch, vermutlich ist sie gegen den Schreibtisch gestoßen. Sie hat im Nacken eine fünf Zentimeter lange Platzwunde; auf der Schreibtischkante klebten Blut und Hautreste. Leichte Blutergüsse an den Oberarmen durch zu festen Druck von Händen. Sie hat einen Schlag ins Gesicht erhalten, der auf ihrer linken Wange einen kaum sichtbaren Abdruck hinterlassen hat. Ansonsten gibt es keine Anzeichen für stärkere Gewalt. Das wär's. Und hier sind die Fotos.“ Hettenbach reichte Rose eine Akte. „Sind auch nicht sehr aufschlußreich.“
Der Hauptkommissar betrachtete die Fotos aufmerksam und sagte dann: „Vielleicht ist sie gar nicht umgebracht worden.“ Er rieb sich wieder sein Ohr. „Aber, wie ist sie dann gestorben? Ein blöder Unfall, oder was?“ Er legte die Akte sorgfältig auf den Schreibtisch. „Was habt ihr bei den Eltern erfahren?“
„Sie waren sehr bestürzt, als Dominique Ihnen die Nachricht mitteilte. Er hat das mal wieder fabelhaft gemacht. Da hat er die schönsten Zähne der Welt in seinem Mund, aber wenn es um so etwas geht, klappern sie, als würden sie jeden Moment herausfallen. Also, es ist eine ganz durchschnittliche Familie mit mittlerem Einkommen. Gutes Verhältnis zur Tochter, regelmäßiger Kontakt, aber nicht gestern abend. Wir haben einige Adressen von Freunden. Dominique klappert sie gerade ab.“
„Schön“, sagte Rose. „Schreiben wir erst mal unsere eigenen Berichte.“ Mißmutig betrachtete er sein Brot, dessen Ränder sich mittlerweile nach oben bogen. "Gehen wir zusammen in die Kantine, Hetti?"
Fortsetzung folgt...