Sonntag, 1. April 2007

Spiegelbilder, 2. Teil

Als Böse und Hettenbach vor der Tür von Georg Wachtler standen, erklang das Lied für Elise von Beethoven aus der Wohnung. Böse hielt seinen Zeigefinger über den Klingelknopf und wartete ab, bis das Klavierspiel zuende war. Das anschließende Klingeln zerriß die ruhige Atmosphäre, die durch die Musik für einen Moment das Treppenhaus zu einem winzigen Konzertsaal gemacht hatte. Die Tür wurde geöffnet. Ein junger Mann begrüßte sie.
„Guten Tag, wir sind von der Polizei. Ich habe heute Mittag mit Ihnen telefoniert. Dies ist Kommissar Hettenbach. Sie sind Georg Wachtler?“
„Ja“, Wachtler sah sie mit einem nervösen Blick an.
„Wir hätten einige Fragen an Sie. Dürfen wir hereinkommen?“ Hauptkommissar Böse haßte es, zehnmal am Tag das Gleiche sagen zu müssen.
„Ja, bitte.“ Wachtler führte sie in ein Zimmer. Ein Klavier stand mit geöffnetem Deckel an einer Wand. Davor lagen mehrere Notenblätter auf dem Boden verstreut. Das ganze Zimmer war vollgestopft mit Büchern, die sich in mehreren Regalen stapelten. Auf einem Schreibtisch lagen ebenfalls Bücher, mit denen offensichtlich gearbeitet wurde. Notizzettel zierten ihr sonst so nüchternes Aussehen. Graue Schwaden von Zigarettendunst hingen im Zimmer und verflüchtigten sich.
„Haben Sie eben gespielt?“ fragte Hettenbach.
„Nein, das war eine Platte. So gut bin ich nicht.“
Hauptkommissar Böse ging zum eigentlichen Thema über, weshalb sie gekommen waren. „Sie kennen Ingrid Knörr?“
Wachtler begann Notenblätter unter dem Klavier einzusammeln. „Ja, ich studiere mit ihr zusammen.“
„Sie wurde heute morgen in ihrer Wohnung tot aufgefunden.“
„Was?!“ Wachtler schnellte hoch und stieß sich den Kopf am Klavier. „Das haben Sie am Telefon gar nicht gesagt.“ Er nahm sich eine Zigarette und zündete sie an.
„Sie wurde wahrscheinlich Opfer eines Verbrechens“, erläuterte Böse.
Georg Wachtler sagte gar nichts. Er rieb sich den Hinterkopf.
„Ihr Freund, Herr Schorn teilte uns mit, daß Sie gestern abend mit Frau Knörr verabredet waren.“
„Mein Freund? Ich kenne niemanden, der so heißt.“ Wachtler zog nervös an seiner Zigarette.
„Nein, nicht Ihr Freund“, sagte Böse, „der Freund der Ingrid Knörr. Ihren Namen haben wir von Ihrem Dozenten, bei dem Sie eine Hausarbeit schreiben.“
„Dr. Bartowski?“ fragte Wachtler.
„Ja, so heißt er. Waren Sie gestern bei Frau Knörr?“
„Nein, war ich nicht.“
„Aber Sie waren mit Ihr verabredet, oder?“ fragte Böse.
„Ja, aber sie hat mir abgesagt.“
„Wann?“
Wachtler überlegte. „Nachmittags war das, glaub' ich.“ Er legte seine Zigarette in einen Aschenbecher.
„Und warum hat sie Ihnen abgesagt?“
„Eh, sie sagte, es ginge ihr nicht gut. Ihr war schlecht oder so.“
„Und Sie sind nicht hingegangen, um mit ihr zu arbeiten?“
„Nein.“
„Hat Ingrid Knörr vielleicht erwähnt, daß sie noch anderen Besuch erwartet?“
„Nein, sie sagte nur, daß wir nicht arbeiten könnten.“ Der Rauch der Zigarette im Aschenbecher kreiste in einer sanft aufsteigenden Bahn nach oben.
„Was haben Sie abends gemacht?“ fragte Böse weiter.
„Ich war hier. Ich habe gelernt.“
„Sie studieren Jura?“ Der Hauptkommissar stand an dem Schreibtisch und blätterte in einem Buch.
„Ja.“ Wachtler trank einen Schluck Mineralwasser aus einer Flasche, die neben dem Klavier stand.
„Haben Sie sich schon spezialisiert?“ Böse klappte das Buch zu.
„Strafrecht interessiert mich am meisten.“ Der junge Mann begann auf dem Schreibtisch aufzuräumen. Er stapelte die Bücher auf der linken Seite der Arbeitsfläche zu einem bedrohlich wackeligen Turm. Hettenbach beobachtete, wie der Rauch der Zigarette zur Zimmerdecke empor stieg. Die Decke zeigte in den Ecken nikotinvergilbte Tapeten.
„Waren Sie die ganze Zeit über alleine?“ fragte Böse weiter.
„Wie?“ Georg Wachtler sah den Hauptkommissar irritiert an.
„Gestern abend, Herr Wachtler, waren Sie da die ganze Zeit alleine hier bei sich?“
Wachtler sortierte einige Papiere. „Ja, natürlich, ich habe ja gelernt. Da brauche ich Ruhe“, beantwortete er die Frage.
„Kann das jemand bezeugen?“
„Warum? Verdächtigen Sie mich?“
„Nein, nein, das müssen wir überprüfen. Wir müssen alles überprüfen. Haben Sie einen Zeugen?“
Wachtler rieb sich den Hinterkopf. „Nein, nicht, daß ich wüßte.“
„Wie gut waren Sie denn mit Frau Knörr befreundet?“ warf Hettenbach ein.
„Im Prinzip nicht gut. Wir kennen uns von der Uni her. Es war Zufall, daß wir uns treffen wollten. Ich habe eines von drei Exemplaren aus der Uni Bibliothek, daß wir für die Hausarbeit brauchen. Ich hatte es ihr ausgeliehen.“ Wachtler steckte sich eine neue Zigarette an.
„Ich nehme an, Sie sprechen von einem Buch“, stellte Böse fest.
„Ja“, bestätigte Wachtler. Er stand dabei hinter dem Schreibtisch steif wie ein Stock, die Augen wachsam auf den Hauptkommissar gerichtet. Er blies den Rauch nach jedem Zug an der Zigarette mit einem kräftigen Stoß aus. Hettenbach begann nervös zu werden. Es machte ihn immer nervös, mit Rauchern in einem Raum zu sein. Schon alleine der Gedanke an das Inhalieren des vielen Nikotins bereitete ihm Übelkeit und Atemnot.
„Hatten Sie vorher schon mit Ingrid Knörr näher zu tun?“ hörte er Böse fragen.
„Ich sag' doch, ich kannte sie nur von der Uni.“
Hettenbach begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Der viele Rauch ging ihm entsetzlich auf die Nerven.
„Dann waren Sie auch noch nicht in ihrer Wohnung?“
Hettenbach fragte sich, ob Hauptkommissar Böse hier den ganzen Nachmittag verbringen wollte.
„Nein“, sagte Wachtler entschieden. Er setzte sich auf den Klavierhocker. Er zog an seiner Zigarette. Die erste von eben qualmte immer noch im Aschenbecher vor sich hin. Hettenbach spürte eindeutig das Bedürfnis, die Fenster zu öffnen oder besser noch, die Wohnung zu verlassen.
„Gut, Herr Wachtler, das war es dann fürs erste.“ Hettenbach atmete erleichtert auf. Er und Böse gingen zur Wohnungstür. Wachtler begleitete sie.
„Sagen Sie“, bemerkte er, „wie ist sie denn umgebracht worden?“ Er hielt die Tür auf.
„Das wissen wir noch nicht genau“, sagte Böse. Die beiden Beamten verabschiedeten sich.
„Auf Wiedersehen“, sagte Georg Wachtler. Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, erklang wieder Klaviermusik.
„Mein Vater konnte die Elise wunderschön spielen“, sagte Böse, als sie die Treppe hinunter gingen. „Aber ich bin über die ersten zehn Takte nie hinausgekommen.“
„Wie, Sie können Klavier spielen?“ Hettenbach sah Böse überrascht an.
„Aber nein, mein Vater hatte gehofft, ich würde es lernen. Bis ihm meine Lehrerin mitteilte, daß es kaum einen Sinn hätte, aus mir einen Musiker zu machen. So wie ich die Tastatur malträtierte, hätte ich eher Berufsaussichten für das Fleischergewerbe gehabt.“ Böse betrachtete kurz seine dicken, kräftigen Hände.
Hettenbach lachte laut: „Und Ihr Vater?“
„Er hat es wohl erst eingesehen, als meine Lehrerin ihn bat, mich nicht länger zu quälen.“
Hettenbach öffnete die Haustür. „Ich wollte immer gerne Geige spielen lernen. Aber wir hatten nie genug Geld, um das Instrument anzuschaffen. Dafür spielt jetzt meine Älteste.“
„Spielt sie gut?“ fragte Böse.
„Na ja, sie tut, was sie kann. Wir flüchten immer aus dem Zimmer, wenn sie übt. Der einzige, der ihre Begeisterung am Spiel teilt, ist unser Hund. Er ist fast taub.“
Böse und Hettenbach lachten, als sie zum Auto gingen.
Kommissar Hettenbach startete den Motor. „Seltsam, dieser Wachtler“, sagte er, „er wirkte so gleichgültig.“
„Na ja, wenn er die Tote kaum gekannt hat“, erwiderte Böse. „Wie spät ist es eigentlich?“ fragte er.
Hettenbach sah auf seine Armbanduhr. „Halb sechs.“
„Fahren wir noch mal zum Krummen Timpen“, sagte Böse.

Sie brauchten eine halbe Stunde bis zu ihrem Ziel. Die Straßen der Stadt waren verstopft von gestreßten Autofahrern, die alle zur gleichen Zeit in den Feierabend nach Hause fuhren.
„Ich hasse diesen Berufsverkehr“, fluchte Hettenbach. Er sah eine Parklücke in einer Querstraße, die zum Krummen Timpen führte. Die beiden Männer mußten noch einige Minuten laufen, bis sie am Haus des Geschehens ankamen. Es wurde bereits dunkel. Ein leiser Nieselregen fiel. Das Licht der Laternen verwandelte den Asphalt in ein schwarzes, glitzerndes Band. Die Männer schlugen die Kragen hoch und gingen mit schnellen Schritten auf den Hauseingang zu. Sie klingelten bei Jutta Sturm. Dieser Name stand auf der Klingel im Erdgeschoß. Es tat sich nichts.
„Mist!“ ärgerte sich Böse. Er klingelte im ersten Stock. Die Tür ging auf. Die Mutter mit dem Baby stand im Treppenhaus. Hettenbach ging hoch.
„Guten Abend, sagen Sie, Frau Sturm ist noch nicht da. Wissen Sie, wann sie immer nach Hause kommt?“
„Nein, sie ist Fotografin für eine Zeitung. Sie ist oft unterwegs. Regelmäßige Zeiten, in denen sie Zuhause ist, gibt es gar nicht.“ Das Baby fing an zu schreien.
„Danke schön.“ Hettenbach ging wieder nach unten. Der Hauptkommissar war nicht da. Hettenbach ging nach draußen. Böse wartete vor dem Haus.
„Kommen Sie“, sagte er. Sie gingen in den Hinterhof. „Ist es nicht seltsam, daß keiner etwas sieht und hört, wenn ein Mord geschieht. Aber alles andere kriegen die Leute mit. Von den persönlichsten Dingen haben sie Kenntnis. Nur bei einem Mord, da hat alles geschlafen.“ Böse war ärgerlich. Kommissar Hettenbach sah zum Fenster der Erdgeschoßwohnung.
„Brennt da nicht Licht?“ bemerkte er. Böse sah ebenfalls in die Richtung.
„Sieht fast so aus“, bestätigte er. Ein diffuser Lichtschimmer war in der Erdgeschoßwohnung zu sehen.
„Hier!“ sagte Böse. Er machte eine Räuberleiter aus seinen Händen.
„Und wenn man uns erwischt?“ fragte Hettenbach überrascht.
„Aber Hetti, wir sind von der Polizei. Man kann uns nicht erwischen.“ Böse grinste.
Es war bereits das zweite Mal an diesem Tag, daß der Hauptkommissar ihn Hetti nannte. Böse und er arbeiteten nun schon seit fünfzehn Jahren zusammen. Als Hettenbach damals neu in der Abteilung war, hatte er großen Respekt vor dem schwergewichtigen, kräftigen Mann mit der Stimme, die Mauern durchbrechen konnte, wenn er sie erhob. Es ergab sich nicht oft, daß Böse seine Stimme erhob. Aber wenn es doch geschah, dann nur, wenn es jemand geschafft hatte, seine Geduld auf eine Probe zu stellen, die jeden Normalsterblichen bereits in den Anfängen zum Scheitern verurteilt hätte. Manchmal hatte Hettenbach das Gefühl, sein Chef bestand lediglich aus Masse, die sich eher in die Breite verteilte als in die Höhe, und zum Ausgleich dafür hatte Gott ihn mit einer Stimme ausgestattet, die noch vorhanden war, wenn die Masse sich aus irgendeinem Grund verflüchtigte. Es war wie mit Dominique Goutier, den man erst richtig wahrnahm, wenn man den Schock über sein strahlendes Gebiß überwunden hatte.
Hettenbach stellte seinen linken Fuß in die Hände seines Chefs und stieg mit dem rechten auf das Dach der Garage, die direkt unter dem Fenster der Jutta Sturm lag. Kies knirschte unter Hettenbachs Füßen, als er vorsichtig darüber ging. Der Kommissar starrte durch das Fenster in die Wohnung.
„Da is' was!“ raunte er.
„Was denn?“ Böse war nervös.
„Ich weiß nicht genau.“
„Also los, was ist es?“
„Da liegt jemand!“
„Wo?“
„In dem Flur. Ich kann in den Flur sehen.“
„Da liegt jemand?“
„Ja“, Hettenbach drückte seine Nase gegen die Fensterscheibe. „Ich sehe Füße!“
„Wie? Nackte Füße?“
„Wieso nackt?“
„Na ja, sind die Füße nackt?“
„Nein, natürlich nicht!“
„Aha.“ Böse fragte sich, wie er darauf kam, daß die Füße nackt sein könnten. Kommissar Hettenbach drehte sich um und kletterte umständlich von der Garage.
„Na, das kann ja heiter werden“, konstatierte Hauptkommissar Böse.

Nachdem die Wohnung der Jutta Sturm aufgebrochen worden war, hatte alles den gleichen Ablauf wie am Morgen des Tages in der Wohnung der Ingrid Knörr. Die Spurensicherung und Dr. Glasstetter hatten zuerst geglaubt, sie wurden auf den Arm genommen werden, als sie noch einmal zu der gleichen Adresse fahren sollten, aber dann machten sie routinemäßig ihre Arbeit.
In der Wohnung waren noch weniger Spuren vorhanden als in der von Ingrid Knörr. Die Tote lag im Flur der Wohnung auf dem Bauch. Neben ihr hatte sich eine große Blutlache gebildet. Die Wohnung war so ordentlich, daß man vermuten mußte, die Tote habe einen Hausputz gemacht, bevor sie starb. Dieser Meinung waren zumindest die Leute von der Spurensicherung. Die Todesursache war schon am Tatort eindeutig feststellbar, denn der Rücken der Leiche wies mehrere Einstiche auf, verursacht durch einen scharfen, spitzen Gegenstand. Nach ersten Erkenntnissen lag der Zeitpunkt des Todes fast zeitgleich mit dem Tod der Ingrid Knörr.
Die Nachbarin im ersten Stock wurde noch einmal befragt. Aber sie hatte auch im Erdgeschoß weder etwas gesehen noch gehört. Ihr Mann, der an diesem Abend Zuhause war, bestätigte die Aussagen seiner Frau.
Es erübrigte sich eigentlich, die Nachbarn im Hinterhaus zu befragen, da sie, wenn sie beim ersten Mord schon nichts gesehen hatten, sicher auch zu dem zweiten nichts sagen konnten. Trotzdem schickte Böse noch einmal zwei Beamte los, um ganz sicher zu gehen.
Nach zwei Stunden wurde die Wohnung verschlossen. Hauptkommissar Böse steckte den Schlüssel in die Jackentasche.

Am nächsten Morgen saßen Böse und Hettenbach im Büro und grübelten bei Kaffee und Brötchen über das nach, was sie bisher wußten. Aber sie wußten gar nichts. Das mußten die beiden resigniert feststellen.
„Was ist das nur für eine Geschichte?“ fragte Hettenbach. „Gibt es das, daß zwei Morde im gleichen Haus zur gleichen Zeit geschehen, ohne daß sie etwas miteinander zu tun haben?“
„Nicht zum gleichen Zeitpunkt“, warf Böse ein. „Zumindest einige Zeit muß zwischen dem ersten und dem zweiten Mord liegen.“
„Die beiden Frauen hatten nach Aussage des Freundes von Ingrid Knörr nichts miteinander zu tun. Das ist doch blöd. Da geht jemand hin, trinkt Wein mit der einen, bringt sie irgendwie um, verwischt seine Spuren, geht und bringt noch eine andere um.“ Hettenbach kaute an seinem Brötchen.
„Ein Irrer vielleicht“, sagte der Hauptkommissar nachdenklich und klappte sein Brötchen auseinander. „Ich hasse Fälle wie diese“, konstatierte er und entfernte die Zwiebeln von der Wurst.
Hettenbach grinste: „Oder es war reiner Zufall.“
„Ein Zufall, daß zwei Leute gleichzeitig auf die Idee kommen, im selben Haus eine Frau umzubringen?“ Böse lachte. „Es ist ein Zufall, daß die Mörder nicht die gleiche Frau umbringen wollten.“
Hettenbach konterte: „Vielleicht wollten sie das. Aber der eine mußte feststellen, daß seine Kandidatin schon tot war. Deshalb brachte er eine andere um.“ Die beiden Männer lachten.
Böse sagte: „Vielleicht hat die Sturm auch die Knörr umgebracht und dann sich selbst. Oder jemand dann die Sturm, aus Rache.“ Die beiden Männer krümmten sich vor Lachen.
Dominique Goutier kam herein. Er wartete, bis die beiden sich ausgelacht hatten und sagte dann: „Die Fingerabdrücke in der Wohnung der Toten sind überprüft.“
„Welcher Toten“, unterbrach ihn Hettenbach. Böse lachte immer noch.
„Habt ihr irgendwie was Falsches gegessen?“ fragte Goutier und blätterte in einer Akte. „Also, ehm..., die Wohnung von, Moment, zunächst mal Ingrid Knörr; also, da waren Abdrücke der Toten selbst, dann von der Mutter, dem Freund der Toten, zahlreiche nichtidentifizierte Abdrücke und von Georg Wachtler. Der halbe Abdruck auf dem einen Weinglas gehört zu seinem rechten, kleinen Finger. Seine Fingerabdrücke wurden auch am Fenster, an der Tür zum Bad und an der Klinke der Wohnungstür gefunden.“
„Aber, er hat behauptet, er wäre nicht dagewesen!“ rief Hettenbach.
„Dann hat er gelogen“, sagte Böse trocken. „Wo haben wir seine Fingerabdrücke her?“
„Er wurde im letzten Jahr bei einer Hausbesetzung verhaftet.“
Goutier sprach weiter: „In der Wohnung der zweiten Toten, Jutta Sturm, konnten sämtliche Fingerabdrücke noch nicht identifiziert werden, außer denen der Toten selbst natürlich. Die Tatwaffe wurde bisher nicht gefunden. Es muß ein kleines Schnittchen oder eventuell ...“
„Ein was?“ unterbrach Hettenbach.
„Ein Schnittchen“, betonte Goutier.
Erstaunt lehnte sich Hettenbach in seinem Stuhl zurück. „Das muß aber ein steinhartes Brot gewesen sein, mit dem man die Frau erstochen hat.“
„Was?“ fragte Goutier. „Wieso Brot?“
„Das hast du doch gesagt, oder?“
„Quatsch, ich habe nicht von Brot gesprochen, sondern von einem Schnitt...“ Goutier sprach nicht weiter, weil Böse schallend zu lachen anfing.
„Was ist ein Schnittchen?“ fragte Hettenbach vorsichtig.
„Na, ein Messer“, erwiderte Goutier. „Schnittchen eben, oder Kneipchen, ehm Küchenmesser. Ja, genau, ein Schnittchen ist ein kleines Küchenmesser.“
„Und wieso nennst du es dann Schnittchen?“ fragte Hettenbach.
„Ich weiß nicht, das haben wir immer Zuhause gesagt“, entschuldigte sich Goutier kleinlaut.
„Okay, soweit zur Tatwaffe“, brach Böse die Diskussion ab. „Noch was, Goutier?“
„Ja, ehm...bei der Durchsuchung des Hinterhofes fand man in einer der Mülltonnen eine völlig unversehrte Kaffeetasse, die Reste von Speisesalz enthielt. Das ist deshalb eventuell interessant, weil diese Tasse zu einem sechsteiligen Service gehören könnte, das bei Ingrid Knörr im Küchenschrank steht. Dort fehlt eine Tasse. Das ist alles.“
Böse sah sich die Unterlagen kurz an. „Welches Motiv ist auf der Tasse?“ wollte er beiläufig wissen.
„Männertreu“, kam es wie aus der Pistole geschossen.
„Männertreu?“ fragte Hettenbach. „Was ist das?“
„Eine Blume“, antwortete Böse. „Also Hetti, wissen Sie heute gar nichts?“ Böse warf ihm einen Blick zu, als wollte er sagen: „Das weiß doch jedes Kind.“ Der Hauptkommissar wandte sich wieder an Goutier: „Wer hat das mit der Tasse herausgefunden?“
Der junge Beamte räusperte sich: „Ich“, kam es verlegen aus seinem Mund.
„Sehr gut aufgepaßt, Goutier“, lobte Böse ihn, „wer ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten.“ Er stand auf. „Kommt, Leute, es gibt Arbeit.“
Die beiden Polizisten schnappten sich ihre Jacken und verließen das Büro. Der eine mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, das nur noch aus Zähnen zu bestehen schien, der andere eher mit einem grübelnden Ausdruck, weil er versuchte, sich vorzustellen, wie eine Blume aussehen konnte, die den Namen Männertreu besaß. Hinter ihnen verließ ein Hauptkommissar sein Büro, der vor sich hin murmelte: „Ich wußte doch, daß hinter diesen Zähnen noch mehr steckt.“

Fortsetzung folgt...