Dienstag, 15. Mai 2007

Spiegelbilder, 3. Teil

Sie standen vor der Tür von Georg Wachtler, aber er war nicht Zuhause.
„Verdammt!“ fluchte Hauptkommissar Böse.
„Und jetzt?“ fragte Hettenbach.
„Warten“, erwiderte sein Chef, „er wird schon irgendwann wieder auftauchen.“
„Und wie lange sollen wir hier warten?“ fragte Hettenbach.
Böse stöhnte: „Herr Kommissar Hettenbach, was ist eigentlich mit Ihnen heute los? Natürlich warten wir nicht hier. Haben wir jemals irgendwo vor irgendwelchen Türen gewartet?“
„Nein, Chef“, kam es kleinlaut von der Seite.
„Und wenn er es gar nicht war?“ fragte Goutier.
„Bin ich denn hier im Kindergarten? Wer geht davon aus, daß er der Mörder ist?“
„Ich dachte ja nur“, meinte Dom ebenso kleinlaut. Er fürchtete die Stimmerhebung Böses von allen am meisten.
„Richtig, Goutier, denken ist nicht falsch. Es sollte aber auch die richtige Richtung sein, in die man denkt. Der Fingerabdruck auf dem Weinglas beweist rein gar nichts. Aber Wachtler war nicht ehrlich, als er sagte, er wäre noch nie in der Wohnung der Knörr gewesen. Und wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann ist es, wenn man mich anlügt.“
Und damit wandte er sich zum Gehen. „Wollen wir irgendwo ein Schnitzel essen?“ fragte er seine Mitarbeiter, die beide nicht genau wußten, wie es jetzt weitergehen sollte. Zustimmend folgten sie ihrem Chef, der zielstrebig auf eine Gaststätte zusteuerte, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand.

Die drei Beamten betraten das Restaurant. Sie sahen sich im Schankraum um. Es waren nur zwei Tische besetzt. An dem einen Tisch saß ein Paar mittleren Alters. An dem anderen saß Georg Wachtler.
„Das nenne ich Zufall“, sagte Böse.
Die drei Männer gingen auf Wachtler zu. Als er sie sah, hielt er in der Bewegung, die Gabel in den Mund zu stecken, abrupt inne.
„Guten Tag, Herr Wachtler. Wir waren gerade bei Ihnen Zuhause, aber Sie waren nicht da. Und jetzt treffen wir Sie hier.“ Böse dachte sofort, daß er sich noch unbeholfener nicht hätte ausdrücken können. Der Student steckte den Bissen in seinen Mund.
„Dürfen wir uns setzen? Wir wollten gerade zu Mittag essen.“ Der Hauptkommissar zog einen Stuhl vom Tisch und setzte sich darauf. Hettenbach und Goutier folgten seinem Beispiel. Georg Wachtler sagte kein Wort und aß weiter. Der Wirt kam. Hettenbach bestellte drei panierte Schnitzel mit Kartoffeln und Bohnen. Der Wirt verschwand wieder.
„Darf ich fragen, warum Sie bei mir Zuhause waren“, fragte Wachtler interessiert.
„Nun, es gibt da noch eine Angelegenheit zu klären“, Böse sah Wachtler mit einem prüfenden Blick an.
„Ich dachte, ich hätte Ihnen alles gesagt, was Sie wissen wollten“, der junge Mann wich dem Blick Böses aus und schnitt an seinem Schnitzel herum.
„Nein, Herr Wachtler, das haben Sie nicht getan. Offensichtlich waren Sie am Abend des Mordes an Frau Knörr doch in deren Wohnung.“ Der Hauptkommissar beobachtete Wachtler aufmerksam. Dieser legte seine Gabel auf den Tisch und trank einen Schluck Wasser. Sein Blick ging schnell von einem zum anderen. Während er sich den Mund mit einer Serviette abwischte, fragte er fast beiläufig: „Wie kommen Sie denn darauf?“
Böse registrierte, daß Wachtler es vermied, ihm direkt in die Augen zu sehen.
„Wir haben einen Fingerabdruck von Ihnen in der Wohnung gefunden“, erläuterte Hettenbach. „Und nun wollen wir von Ihnen gerne wissen, warum Sie uns verschwiegen haben, daß Sie in der Wohnung waren.“
Böse beobachtete, wie die rosige Farbe auf Wachtlers Wangen langsam weiß wurde. „Ach, du liebe Güte! In meiner Wohnung befinden sich wahrscheinlich Fingerabdrücke von Leuten, die das letzte Mal vor drei Wochen bei mir waren!“ Der junge Mann zündete sich eine Zigarette an.
„Dieser Fingerabdruck befand sich aber auf einem Weinglas, aus dem am Abend der Tat getrunken wurde. Außerdem haben Sie uns bei unserem ersten Gespräch gesagt, daß Sie noch nie bei Frau Knörr waren.“ Böse hatte von seiner Freundlichkeit nichts verloren, aber sein Gesichtsausdruck machte seinem Namen alle Ehre. Goutier sah fasziniert auf die Zigarette, an der Wachtler viel zu hastig zog. In kleinen Wölkchen stieß er den Rauch genau auf Hettenbach aus, der ebenso wie Wachtler ganz blaß wurde. Wachtler sagte gar nichts.
Kommissar Hettenbach lehnte sich in seinem Stuhl so weit wie möglich zurück, um dem Qualm auszuweichen, der ihm entgegenkam. Er fragte: „Können Sie uns vielleicht erklären, wie Ihr Fingerabdruck auf ein Glas in Ingrid Knörrs Wohnung kommt, in der Sie angeblich noch nie gewesen sein wollen?“
„Erstens habe ich nicht nie gesagt, sondern nur von gestern abend gesprochen. Und zweitens, sagen Sie mir lieber, woher Sie meinen Fingerabdruck haben!“ Georg Wachtler war sehr ungehalten.
„Wir sind zwar nicht verpflichtet, Ihnen das zu sagen, aber wir sagen es Ihnen trotzdem“, erwiderte Böse. „Vor einem Jahr wurden Sie bei einer Hausbesetzung verhaftet. Daher unsere Gewißheit, daß es sich um Ihren Fingerabdruck handelt.“
Wachtlers Gesicht nahm einen starren Gesichtsausdruck an. Böse sah förmlich, wie es im Kopf des Studenten fieberhaft arbeitete. Nach einer Minute Schweigen antwortete Wachtler: „Also gut, ich war da.“
„Und wann?“ fragte Böse sofort.
Wachtler überlegte einen Augenblick. „Das muß so gegen 18°° Uhr gewesen sein. Ja, nachdem sie mir abgesagt hatte, bat ich sie darum, das Buch abholen zu können, das sie sich von mir ausgeliehen hatte. Ich brauchte es, weil ich noch damit arbeiten wollte.“
„Und dann Sind Sie zu ihr gefahren?“
„Ja.“ Wachtler legte seine Zigarette in den Aschenbecher. Sie qualmte vor sich hin.
„Und warum haben Sie Wein bei Ihr getrunken, wenn Sie nur ein Buch abholen wollten?“ fragte Hettenbach. Der Rauch der Zigarette stieg ihm in die Augen. Er fächelte ihn mit der Hand von sich fort.
„Entschuldigung“, sagte Wachtler und drückte die Zigarette aus. Hauptkommissar Böse fiel auf, daß im Aschenbecher die Asche einer abgebrannten Zigarettenkippe lag. Eine ungewöhnliche Art, seine Zigaretten auszumachen, dachte er.
„Warum haben Sie also Wein bei Ingrid Knörr getrunken?“ stellte Hettenbach seine Frage noch einmal.
„Sie hat ihn mir angeboten.“ Wachtler spielte nervös mit dem Messer.
„Obwohl es ihr nicht gut ging?“
„Ja! Ich habe schnell getrunken und bin dann wieder gegangen.“
„Wie lange waren Sie bei ihr?“ fragte Böse.
„Vielleicht eine Zigarettenlänge.“
„Nicht noch etwas länger? Nicht vielleicht auch einige Stunden?“
Der Student ließ das Messer geräuschvoll auf den Teller fallen. „Nein, Mann! Nachdem ich den Wein getrunken habe, bin ich gegangen.“ Wachtler wurde ärgerlich.
„Und dann gingen Sie nach Hause?“ fragte Böse.
„Ja. Dort habe ich den ganzen Abend über gearbeitet.“
„Ja“, murmelte Böse, „das sagten Sie uns bereits.“ Er sah Wachtler einen Moment lang forschend an. Dann fragte er: „Warum haben Sie uns nicht gleich erzählt, daß Sie bei Frau Knörr waren?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich Angst“, antwortete Wachtler nervös. Er schob seinen leeren Teller zur Seite.
„Wovor hatten Sie Angst?“ wollte Hettenbach wissen.
„Genau davor, was jetzt eingetreten ist!“ sagte Wachtler wütend. „Sie verdächtigen mich doch!“
Die drei Beamten sahen sich schweigend an. Böse brach das Schweigen: „Glauben Sie nicht auch, daß eine Lüge Sie noch viel verdächtiger macht, Herr Wachtler?“ Aus Böses Stimme war eindeutig der zweifelnde Ton herauszuhören.
Georg Wachtler stand auf. „Darf ich jetzt gehen?“ fragte er schroff. Er nahm seine Jacke von der Stuhllehne.
„Ja, Sie dürfen“, antwortete Böse. „Seien Sie morgen früh bitte im Präsidium. Wir müssen Ihre Aussage neu aufnehmen.“ Wachtler drehte sich um und verließ, nachdem er am Tresen bezahlt hatte, das Lokal.
Die drei Beamten bekamen ihr Essen serviert.
„Ich werde mir nachher noch mal die Wohnungen der beiden Opfer ansehen“, sagte der Hauptkommissar.
„Mhm, Sie haben Wachtler gar nichts von Jutta Sturm erzählt, Chef“, bemerkte Goutier.
„Stimmt, das habe ich mir für morgen aufgehoben. Der Junge war so schon nervös genug.“
„Vielleicht weiß er es ja schon“, sagte Hettenbach mit ironischem Unterton.
„Keine falschen Schlüsse ziehen, Hetti. Wir werden sehen. Er muß nichts damit zu tun haben, auch wenn er sich in Lügen verstrickt hat. Aber sein Verhalten spricht auch nicht gerade für ihn. Ich denke, es ist wichtig, ihn jetzt nicht aus den Augen zu lassen.“
Die drei begannen damit, genüßlich ihre Mahlzeit zu verzehren.

Gut gesättigt und etwas müde ging Hauptkommissar Böse den Krummen Timpen entlang. Hettenbach hatte ihn nicht direkt vor das Haus gebracht, weil es ein Umweg für ihn gewesen wäre. Er und Goutier hatten noch einen Zeugen in einer anderen Angelegenheit zu vernehmen. Sie wollten Böse in einer halben Stunde wieder abholen.
Der Hauptkommissar schloß die Eingangstür des Hauses Nr. 25 auf. Er ging zuerst in den obersten Stock. Die Wohnung der Ingrid Knörr wirkte still, und es war stickig. Ein düsteres Licht lag in den Räumen, denn sie waren nur mit kleinen Fenstern ausgestattet. Ein wolkenverhangener Himmel trug dazu bei, daß die eigentlich weißen Wände graugrün schimmerten. Böse knipste die Deckenleuchte im Wohnzimmer an.
Es war nur ein schwaches Licht, aber es reichte aus, um auch in den Ecken des Zimmers Helligkeit ins Dunkel zu bringen. Böse bewegte sich leise hin und her. Hier und da befingerte er die Dinge, nahm sie kurz in die Hand, betrachtete sie, stellte sie wieder hin. Eine dünne Staubschicht wurde sichtbar, wenn er einen Gegenstand hochnahm. Böse zog eine Schublade nach der anderen auf, hob Wäschestücke einzeln hoch, wühlte ganz vorsichtig zwischen den Kleidungsstücken. Er kam sich vor wie ein Dieb, der eine Geldbörse suchte. Wonach er nun tatsächlich suchen sollte, wußte er nicht, doch das war jedesmal so, wenn er in Mordfällen ermittelte, die so undurchsichtig waren wie diese zwei.
Der viel zu kleine Schreibtisch war beladen mit dicken und dünnen Büchern. Titel wie Mietrecht, Strafrecht, Strafprozeßordnung zierten die Buchdeckel. Zettel lagen verstreut herum, teilweise mit unleserlichen Notizen beschrieben. Auffällig war das permanente Zeichen des Paragraphen. Böse hatte den Eindruck, daß Ingrid Knörr eine Ordentliche Studentin gewesen war, obgleich ihr Schreibtisch ebenfalls einem Schlachtfeld glich wie der Georg Wachtlers.
Böse mußte an den Schreibtisch seines Großvaters denken. Jedes darauf befindliche Gerät hatte seinen festen Platz. Nie hatte er als Kind den Eindruck gehabt, sein Großvater würde daran arbeiten. Er hatte immer nur dahinter gesessen und nichts getan. Wenn der alte Mann nicht hingesehen hatte, hatte Böse die Gegenstände berührt, um festzustellen, ob sie echt waren oder vielleicht angeklebt.
Der Hauptkommissar nahm die Bücher von Ingrid Knörr einzeln in die Hand. Er suchte die heraus, die aus der Uni Bibliothek ausgeliehen waren. Er legte sie auf einen Stapel übereinander. Dann setzte er sich auf das kleine Sofa. Er war müde. Er versuchte sich vorzustellen, was geschehen war. Er stellte sich vor, wie die Tote mit ihrem Mörder hier gesessen und Wein getrunken hatte. Vielleicht hatte Georg Wachtler die Morde begangen. Zumindest diesen ersten Mord. Böse sah ihn vor Augen. Eventuell hatten die beiden gearbeitet, diskutiert, gefachsimpelt oder einfach nur über Alltägliches geplaudert.
Der Hauptkommissar stellte sich jemand anderes vor, mit dem die Knörr gesprochen hatte. Und irgendwann war etwas vorgefallen, das den Gesprächspartner dazu veranlaßt hatte, sie umzubringen. Wollte er etwas von ihr? Zärtlichkeiten, eventuell mehr. Böse versuchte sich vorzustellen, wie Georg Wachtler sich an das Mädchen heranmachte. „Möglich wäre das“, sagte er gedankenverloren. Er dachte, daß sie sich vielleicht mit jemandem gestritten hatte, denn es hatte ja offensichtlich auch eine körperliche Auseinandersetzung gegeben. Einen Streit hätte aber jemand hören können. Niemand hat etwas gehört, dachte Böse.
Dem Hauptkommissar ging der Gedanke durch den Kopf, wie lächerlich es wäre, wenn Ingrid Knörr tatsächlich nur unglücklicherweise das Opfer eines Sturzes gewesen war, ohne das Dazutun einer anwesenden Person. Doch irgend etwas sagte ihm, daß es sich hierbei um Mord handeln mußte. Zumindest unbeabsichtigterweise. Körperverletzung mit Todesfolge, dachte Böse.
Und dann die zweite Tote. Was war da los gewesen? Bei dem Mörder handelte es sich vielleicht um den selben Täter. Das war wahrscheinlich, aber nicht unbedingt. Wenn es derselbe war, dann mußte er beide gekannt haben. Was hatte er sonst bei Jutta Sturm gewollt? Woher hatte er gewußt, daß da unten eine weitere junge Frau wohnt? Man braucht nur auf die Türschilder zu sehen, um zu gucken, wer da wohnt, dachte Böse. Wir müssen nach jemandem suchen, der beide Frauen gekannt hat.
„Es muß ein Verrückter gewesen sein, der, einfach so, junge Frauen umbringt“, sagte der Hauptkommissar laut, als wäre noch jemand im Raum. Er stand auf und ging zum Fenster, und öffnete es. Am Himmel zogen dicke Regenwolken vorbei. In der Nacht gibt es sicher Regen, dachte Böse. Er atmete tief durch.
Er sah in die einzelnen Fenster des Hinterhauses. In allen Wohnungen brannte Licht. Direkt gegenüber konnte er auf den Balkon des Nachbarn sehen. Böse überlegte, wie häufig er abends aus dem Fenster sah, wenn er sich in seiner Wohnung aufhielt. Er konnte sich nicht erinnern, dies oft zu tun.
Als der Hauptkommissar sich aus dem Fenster beugte, um nach unten zu schauen, entdeckte er einen Aschenbecher draußen auf dem Fenstersims. Böse nahm ihn vorsichtig in die Hand, darauf achtend, ihn so zu nehmen, daß möglichst wenig Fläche von seinen Fingern bedeckt wurde. Er stellte das Gefäß nach innen auf die Fensterbank und schloß das Fenster wieder.
Im Aschenbecher lagen vier Aschestücke, die etwa drei Zentimeter lang waren. Der Hauptkommissar starrte auf den Aschenbecher. Er näherte sich ihm auf eine Entfernung von fünfzehn Zentimetern und sagte verblüfft: „Das gibt es nicht!“ Böse sah ganz deutlich, daß auf der Asche der Zigaretten der Schriftzug der Zigarettenmarke zu lesen war. Es war ein Phänomen, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Böse dachte kurz nach. Die chemische Zusammensetzung des Schriftzuges war eine andere als die des Papiers und des Tabaks, das war ihm klar. Jedoch, daß man nach dem Verbrennen tatsächlich noch lesen konnte, um welche Marke es sich handelte, verblüffte ihn sehr.
Böse fiel ein, daß Wachtler seine Zigaretten einfach in den Aschenbecher legte. Sie brannten von selbst herunter, bis kein Tabak mehr vorhanden war. Aber Böse dachte auch, daß es ein dummer Zufall sein könnte. Wieviel Menschen gab es, die ihre Zigaretten auf diese Weise ausmachten. Es stellte sich für den Hauptkommissar noch eine weitere wichtige Frage. War Ingrid Knörr Nichtraucherin gewesen?
Böse nahm den Aschenbecher so wie vorher zwischen seine Finger. Er trug ihn wie ein frisch geschlüpftes Küken. Mit der anderen Hand hielt er die Bücher unter dem Arm fest. Er verließ die Wohnung und schloß umständlich ab. Dann ging er nach unten.
Er wollte noch einmal in die Wohnung von Jutta Sturm. Wenn Hauptkommissar Böse schwierige Fälle zu bearbeiten hatte, war es immer am besten für ihn, an den betreffenden Ort selbst zu gehen, wo der Mord geschehen war. So nah wie möglich da zu sein, um nachempfinden zu können, was geschehen sein könnte, hatte ihm schon oft weiter geholfen.
Normalerweise verbrachte er die meiste Zeit an seinem Schreibtisch, aber hierbei zog es ihn an wie ein Automat den Spielsüchtigen. Mit diesem zweiten Mord konnte Böse überhaupt nichts anfangen. Vielleicht wäre der erste ja ziemlich schnell zu klären gewesen durch seinen seltsamen Fund. „Aber wie paßt der zweite Mord dazu“, fragte er laut.

Hauptkommissar Böse hatte den Aschenbecher und die Bücher auf den Küchentisch gestellt und beschäftigte sich in dieser Wohnung mit den gleichen Dingen wie schon im dritten Stock. Er fand gar nichts. Er stellte fest, daß es sich um einen ordentlichen Haushalt handelte. Es war die Wohnung einer alleinstehenden Fotografin, die offensichtlich besonders gerne Kinder abgelichtet hatte. Überall hingen Fotografien von Kindern jeden Alters.
Auf dem Küchentisch hatten sie, als die Leiche entdeckt worden war, Bücher gefunden, in denen Jutta Sturm gelesen haben mußte. Und ein nicht zuende geschriebener Brief lag dort, in dem sie einer Freundin über die letzte Woche ihres Lebens berichtete. Aus dem Brief ging hervor, daß Jutta Sturm mit dem Gedanken gespielt hatte, nach Irland zu gehen, um dort eine Reportage zu schreiben. Worüber, das hatte sie nicht mehr erzählen können. Es hätte Böse sehr interessiert.
Der Hauptkommissar zuckte zusammen, als es an der Wohnungstür klingelte. Er ging hin und öffnete.
„Guten Abend, Herr Inspektor.“
„Frau Veckenstadt, was machen Sie hier?“ Böse war überrascht.
„Ich habe Sie von meinem Balkonfenster aus gesehen. Da dachte ich mir, bevor ich Sie anrufen muß, komme ich lieber gleich rüber.“
„Warum wollten Sie mich denn anrufen?“ fragte Böse. „Kommen Sie doch herein.“ Er hielt der alten Dame die Tür auf. Frau Veckenstadt trat in den Flur und sah bestürzt auf die Umrißlinie der Leiche auf dem Teppichboden.
„Ach, Gott, das arme Ding“, sagte sie.
„Sie wollten mich anrufen, Frau Veckenstadt. Warum?“ fragte Böse neugierig.
„Ja, richtig, mir ist da gestern was eingefallen. Nachdem ich gehört habe, daß diese Frau so furchtbar umgekommen ist, dachte ich, es sei vielleicht wichtig für Sie.“
„Erzählen Sie, bitte.“
„Also, an dem Abend, als das Mädchen oben umgebracht wurde, hat die Dame hier in der Küche gesessen. Sie hat gelesen, glaube ich. Und sie hat telefoniert.“
„Ah, ja, und das ist Ihnen noch eingefallen“, sagte der Hauptkommissar konsterniert.
„Ja, als sie telefonierte, sprang sie nämlich plötzlich auf, so als sei sie erschrocken. Sie ist zum Fenster gegangen und hat auf unser Haus gesehen. Dann legte sie ganz schnell den Hörer auf, lief aus der Küche, kam wieder an das Fenster und hat mich fotografiert.“
„Sie hat Sie fotografiert?“ fragte Böse.
„Ja, ich glaube es jedenfalls. Das Gerät, durch das sie sah, konnte ich nicht erkennen, aber es hat zweimal hintereinander geblitzt. Also nehme ich an, daß sie fotografiert hat. Da bin ich mir ganz sicher.“
„Aha, und was war dann?“
„Das weiß ich nicht. Ich fand das sehr unhöflich, mich einfach so zu fotografieren. Sie hat wohl nicht geglaubt, daß ich es bemerke.“
Die alte Frau war sichtlich empört. Sie wandte sich zum Gehen.
„Danke, Frau Veckenstadt. Es war sehr gut, daß Sie das erzählt haben.“
„Oh, ich hoffe, daß es Ihnen hilft. Vielleicht ist es ja auch gar nicht wichtig.“
„Vielleicht doch, Frau Veckenstadt“, sagte Böse zur Beruhigung. Er schloß die Tür hinter der alten Dame. Dann ging er in die Küche und stellte sich an das Fenster. Er sah auf das Hinterhaus. Zu jedem Fenster, zu jedem Balkon. Nichts rührte sich dort. Kein Mensch war zu sehen. Hauptkommissar Böse schüttelte den Kopf und verließ die Wohnung. Das Gespräch mit der alten Frau verwirrte ihn noch mehr als alles vorher schon Geschehene.
Böse war bereits draußen, als ihm einfiel, daß er den Aschenbecher und die Bücher vergessen hatte. Er ging zurück und holte sie. Er hatte den Aschenbecher auf die Bücher gestellt und deckte seinen empfindlichen Fund draußen mit einer Hand ab. Es war windig geworden. Der Hauptkommissar hatte Angst, die Asche könne wegfliegen. Kommissar Hettenbach wartete schon im Auto auf ihn. Böse stieg ein. Sie fuhren zusammen ins Präsidium.