Mittwoch, 23. Januar 2008

Spiegelbilder, Teil 4

Am nächsten Morgen um zehn Uhr saß Georg Wachtler vor dem Schreibtisch Hauptkommissar Böses.
„Herr Wachtler“, begann dieser, „ich würde sagen, daß Sie im Lügen nicht besonders gut sind. Gestern Mittag haben Sie ein zweites Mal nicht die ganze Wahrheit gesagt.“ Böse beobachtete Wachtler wie ein Wolf, der darauf wartet, daß die Beute auch nur eine falsche Bewegung macht.„Zuerst haben Sie gelogen, indem Sie uns versicherten, Sie seien nie bei Frau Knörr gewesen. Sie bestätigten dies auch für den Abend des Mordes. Dann haben Sie das widerrufen, Sie wären doch da gewesen, um ein Buch abzuholen. Sie haben sogar etwas Wein getrunken. Aber angeblich wollen Sie nur kurz geblieben sein. Eine, nach Ihren Worten, sogenannte Zigarettenlänge. Habe ich das bis hierher alles richtig wiedergegeben?“
Wachtler holte seine Zigaretten aus der Jackentasche und fragte: „Darf ich?“
Böse nickte kurz.
„Ja, das stimmt“, beantwortete Wachtler die Frage, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte.
„Gut“, konstatierte Böse. „Dann sagen Sie uns doch bitte“, der Hauptkommissar sah dabei Hettenbach an, der sich ebenfalls im Raum befand und mitschrieb, „warum sich das Buch, daß Sie Frau Knörr geliehen hatten, und angeblich an dem betreffenden Abend wieder abgeholt haben wollen, immer noch auf dem Schreibtisch der Toten befand, als ich gestern Abend dort war. Wir haben es ganz leicht feststellen können, daß dieses Buch von Ihnen ausgeliehen wurde.“ Der Hauptkommissar legte ein Buch vor Wachtler hin und tippte mit dem Finger darauf.
Georg Wachtler wurde leichenblaß. „Ich habe es vergessen“, stotterte er.
„Was haben Sie vergessen!“ fragte Böse barsch.
„Das Buch.“ Wachtler sprach sehr leise.
„Sie wollen behaupten, sie gingen zu Ingrid Knörr, um sich ein von Ihnen ausgeliehenes Buch zurück zu holen, und dann vergessen Sie es?“ Der Hauptkommissar sprach jetzt mit lauterer Stimme als vorher, und zugleich nahm sie einen solch tiefen Ton an, daß Georg Wachtler bei jedem einzelnen Wort leicht zusammenzuckte. „Meinen Sie nicht, daß das etwas lächerlich ist?“
Wachtler zog am Rest seiner Zigarette und legte sie in einen Aschenbecher auf Böses Schreibtisch. Er steckte sich sofort eine neue an. Er antwortete nicht auf die gestellte Frage.
Böse stand von seinem Stuhl auf und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Hettenbach, der das ganze Geschehen beobachtete, hatte bei solcher Art von Verhören stets das Gefühl, sein Chef verberge normalerweise auf unsichtbare Weise, wie groß er wirklich war. Zumindest wirkte dessen gegenwärtiges Gegenüber momentan eher klein und zierlich.
„Es gibt noch eine weitere Lüge, Herr Wachtler.“ Böse setzte sich direkt vor Wachtler auf die Schreibtischecke. Das tat er immer, wenn er sein Gegenüber nervös machen wollte. Man sah, wie Wachtler sich zusehends unwohler fühlte in der Nähe des Hauptkommissars.
Böse sprach weiter: „Sie sagten, Sie waren nur kurz bei Ingrid Knörr. Wir mußten aber feststellen, daß Sie sich nicht eine, sondern mindestens vier Zigarettenlängen bei Ihrer Kommilitonin aufhielten. Auf dem Fenstersims draußen, also außerhalb der Wohnung, fanden wir einen Aschenbecher, gefüllt mit vier abgebrannten Zigarettenkippen. Wir konnten ganz sicher feststellen, daß es tatsächlich vier Zigaretten sind und nicht nur eine, denn diese Kippen sehen nicht aus wie gewöhnliche.“
Böse hielt Wachtler ein Foto hin, auf dem der Aschenbecher mit den Aschestückchen zu sehen war. „Diese hier sehen so aus wie die da.“ Der Hauptkommissar zeigte auf den Aschenbecher, in dem Wachtlers Zigarette noch vor sich hin brannte. „Hineingelegt und von selbst abgebrannt. Und auf der Asche ist deutlich zu lesen, welche Zigarettenmarke benutzt wurde. Frau Knörr war Nichtraucherin. Sie hat es nur geduldet, daß man bei ihr am geöffneten Fenster rauchte. Sie haben die Angewohnheit, Ihre Zigaretten auf diese Art ausgehen zu lassen. Und es ist Ihre Marke.“
Hauptkommissar Böse beugte sich leicht nach vorn zu Georg Wachtler: „Herr Wachtler, es war nicht eine Zigarettenlänge, die Sie sich bei Frau Knörr aufhielten, sondern vier, wenn Sie sie gleich hintereinander geraucht haben. Ich muß annehmen, daß Sie Kettenraucher sind und sich die ganze Zeit am offenen Fenster bei Frau Knörr aufgehalten haben. Und dabei haben Sie Ihren Wein getrunken, nicht wahr?“ Böses ironischer Unterton war nicht zu überhören.
„Nein, ich bin kein Kettenraucher!“ rief Wachtler. Hettenbach bemerkte kleine Schweißperlen auf der Stirn des Studenten. „Es war alles ganz anders.“ Er zögerte, dann: „Ja, ich habe mehr geraucht. Ich war auch länger da. Das hat sich so ergeben.“
„Wie lange waren Sie da?“ fragte Böse sofort.
„Ich weiß es nicht.“
„Das sollten Sie aber wissen.“
„Ich...vielleicht zwei Stunden.“
„Also von circa 18°° bis 20°° Uhr?“ warf Hettenbach ein.
„Ja.“ erwiderte Wachtler.
„Was haben Sie und Ingrid Knörr gemacht in dieser Zeit?“
„Nichts, nur geredet.“
„Und geraucht und Wein getrunken.“
„Ja.“
Hauptkommissar Böse stand von der Schreibtischkante auf. Er ging zum Fenster und öffnete es, wofür Hettenbach ihm still dankte. Die Zigarettenmarke Wachtlers stank bestialisch, fand er.
„Herr Wachtler, haben Sie Frau Knörr umgebracht?“
Wachtler drehte sich erschrocken zu Böse um. „Nein!“ antwortete er heftig.
Böse nahm eine Zeitung in die Hand, faltete sie auseinander und hielt sie Georg Wachtler vor die Nase.
„Haben Sie das gelesen?“ fragte er ihn.
Der junge Mann murmelte die Schlagzeile leise vor sich hin: „Zwei rätselhafte Morde am selben Abend im selben Haus.“ Wachtler sah den Hauptkommissar fragend an: „Warum zeigen Sie mir das? Was hat das zu bedeuten?“
„Das bedeutet, daß wir vorgestern Abend im Erdgeschoß des Hauses, in dem Ingrid Knörr wohnte, eine weitere Tote fanden. Sie heißt Jutta Sturm. Kennen Sie sie zufällig?“
„Nein!“ sagte Wachtler barsch. „Sie sind ja verrückt! Wollen Sie mir das etwas auch noch anhängen?“ Er sah Böse aus zusammengekniffenen Augen an.
„Nein, Herr Wachtler, anhängen wollen wir Ihnen gar nichts. Wir stellen nur Fragen, die Sie wahrheitsgetreu zu beantworten haben.“
„Ich kenne die Frau nicht“, sagte der junge Mann mit fester Stimme.

Georg Wachtler wurde noch etwa zehn Minuten lang verhört, aber es kam nichts anderes dabei heraus, als Böse und Hettenbach schon wußten. Böse fragte ihn noch einmal, warum er nicht gleich all das gesagt habe, was sie nun von ihm erfahren hatten. Wachtler hatte eine plausible Erklärung dafür, gegen die niemand etwas einwenden konnte. Er hatte Angst gehabt, für den Mörder gehalten zu werden. Seiner Aussage nach hatte Ingrid Knörr noch gelebt, als er sie verlassen hatte.

Nach Beendigung des Verhörs sagte Wachtler ziemlich zynisch: „Sie glauben doch wohl selber nicht, daß das für eine Mordanklage ausreicht, oder? Ich finde es geradezu grotesk, mir mit einem Fingerabdruck und abgebrannter Zigarettenasche zwei Morde anhängen zu wollen.“
Böse versicherte ihm noch einmal, daß er ihm nichts anhängen wolle, und nur seine Arbeit tue. Er rechtfertigte sich damit, daß er allen Details nachgehen müsse. Danach durfte Wachtler gehen. Der Hauptkommissar ärgerte sich über die Beharrlichkeit des jungen Mannes.
„Könnte mal ein guter Strafverteidiger werden“, sagte Hettenbach, „zumindest kennt er sich in Sachen Beweisführung aus. Er weiß selber zu gut, daß wir uns nur auf Indizien stützen können.“
Böse setzte sich mit resigniertem Gesichtsausdruck hin und erwiderte nichts, als Hettenbach noch erwähnte: „Wir brauchen einen handfesten Beweis, sonst können wir ihm nichts anhaben.“
Böse, Hettenbach und Goutier saßen zusammen in Böses Büro. Böse war ziemlich geschafft. Hettenbach hatte die ganze Zeit, als der Hauptkommissar mit Wachtler gesprochen hatte, ruhig zugesehen. Nun versuchten Sie zu dritt noch einmal, alles genau zu durchdenken.
Der Hauptkommissar nahm einige Fotos und Zettel mit Notizen. Er begann sie an eine Pinwand zu heften und erläuterte: „Wir haben das Haus, Krummer Timpen Nr. 25. Im obersten Stockwerk wird gegen 22.30 Uhr eine junge Frau wahrscheinlich getötet. Aus uns unbekannten Gründen stieß sie gegen die Kante ihres Schreibtisches. Ob sie gestoßen wurde oder aus eigenem Anlaß fiel, ist nicht sicher geklärt. Sie studierte Jura.“Böse hängte ein Foto von Ingrid Knörr auf.
„Wir haben einen jungen Mann, der abends bei ihr zu Besuch war, aber angeblich nicht mehr zur Tatzeit. Er sagt aus, zwei Stunden lang bei ihr gewesen zu sein. Genauer gesagt, von 18°° bis 20°° Uhr. Wir wissen nicht, wie nah er bei der Wahrheit liegt, aber die Beweise dafür fehlen, daß er lügt.“
Böse nahm einen Zettel, auf dem Georg Wachtlers Name stand und heftete ihn neben das Foto von Ingrid Knörr.
„Wir haben den Freund der Toten, der sie am nächsten Morgen findet.“ Ein Zettel mit Norbert Schorns Namen wanderte auf die andere Seite des Fotos. „Schorn hat ein Alibi für die Tatzeit.“
Böse heftete ein Foto von Jutta Sturm unter das erste Foto. „Am Abend des gleichen Tages finden wir eine zweite Tote, die eine halbe Stunde nach Ingrid Knörr in ihrer Wohnung umgebracht wird. Eine alte Frau, Erna Veckenstadt, hat an dem Abend, als die Verbrechen begangen wurden, Jutta Sturm in deren Küche beobachtet.“
Böse hängte den Namen von Erna Veckenstadt neben das Foto von Jutta Sturm.
„Erna Veckenstadt sagt aus, die Tote habe gelesen, telefoniert, das Hinterhaus betrachtet und sei dann aus der Küche gelaufen. Als sie zurückkam, habe sie Erna Veckenstadt fotografiert.“
„Sie hat was?!“ fragte Hettenbach ungläubig.
„Ja, das hat mir die Veckenstadt noch nachträglich erzählt. Die Sturm hat sie an dem Abend von ihrem Fenster aus fotografiert. Die alte Dame war sehr empört darüber.“
„Woher weiß sie das denn, es war doch dunkel?“ fragte Goutier.
„Im Dunkeln benutzt man normalerweise ein Blitzgerät. Zweimal hat sie einen Blitz gesehen. Daher hat sie ihre Vermutung.“
„Nicht dumm, die alte Dame“, murmelte Hettenbach.
„Jetzt frage ich mich nur, warum die Sturm das überhaupt getan hat“, fuhr Böse in seiner Rede fort. „Niemand sonst aus beiden Häusern hat etwas gehört oder gesehen. Im Umfeld der Bekannten, Freunde und Verwandten kann keiner auch nur einen Hinweis darauf geben, daß eine der beiden Frauen irgendwelche Schwierigkeiten oder Feinde hatte, oder an mysteriösen Vorgängen beteiligt war, um ein Motiv für einen Mord zu bieten. Zwischen den beiden Frauen bestand keinerlei Verbindung, außer daß sie im selben Haus lebten, und in guter Nachbarschaft zueinander standen. Georg Wachtler ist der einzige, den man in den Täterkreis nehmen könnte. Allerdings steht das auf sehr wackeligen Füßen.“
„Sie wollen sagen, es gibt eigentlich gar keinen Täterkreis, sondern nur Wachtler“, bemerkte Goutier süffisant.
„Sie haben es erfaßt.“ Böse stellte sich wie ein Lehrer in den Raum und fragte: „Nun, meine Herren, was schließen wir daraus?“
Hettenbach antwortete resigniert: „Dies wird eine weitere Akte für ungeklärte Fälle werden.“
„Wahrscheinlich“, bestätigte Böse. „Nichtsdestotrotz könnten wir noch einmal in die Wohnung der Jutta Sturm fahren. Mir läßt es keine Ruhe, was Erna Veckenstadt mir da gestern abend erzählt hat. Vielleicht finden wir ja noch etwas.“
„Na ja,“, sagte Hettenbach zweifelnd, „aber erst nach Feierabend, okay Chef? Wir haben noch einige andere Fälle zu bearbeiten als nur diesen einen.“ Der Kommissar und Goutier begaben sich an ihre eigenen Schreibtische, um den immerwährenden Papierkrieg wieder aufzunehmen, den sie täglich führten, wenn sie nicht irgendwelchen gedungenen Mördern auf der Spur waren. Hauptkommissar Böse blieb alleine vor seiner Pinwand zurück und schüttelte mit dem Kopf. „Was für eine merkwürdige Sache“, murmelte er in sich hinein. Dann tippte er mit seinem Zeigefinger auf den Zettel mit Wachtlers Namen und sagte: „Ich traue Ihnen nicht, mein Lieber.“

5. und letzter Teil folgt in Kürze